Ist sterben lassen nicht humaner?

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Pluto
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Re: Ist sterben lassen nicht humaner?

Beitragvon Pluto » Do 17. Aug 2017, 22:34

Catholic hat geschrieben:Wieso rede ich "aus der Theorie heraus"?
Ich vermute du hast niemals selbst mit einem solchen Fall (helfen oder nicht) konfrontiert warst.
Der Naturalist sagt nichts Abschließendes darüber, was in der Welt ist.

Catholic
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Re: Ist sterben lassen nicht humaner?

Beitragvon Catholic » Do 17. Aug 2017, 22:41

Im engeren Familiären Umfeld nicht (also Eltern/Geschwister) im weiteren Umfeld (Familie wie auch Freundeskreis) mehrmals in dem Sinne dass die direkten Angehörigen vor der Frage standen und ich es entsprechend mitbekam.

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Pluto
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Re: Ist sterben lassen nicht humaner?

Beitragvon Pluto » Fr 18. Aug 2017, 08:48

Catholic hat geschrieben:Im engeren Familiären Umfeld nicht (also Eltern/Geschwister) im weiteren Umfeld (Familie wie auch Freundeskreis) mehrmals in dem Sinne dass die direkten Angehörigen vor der Frage standen und ich es entsprechend mitbekam.
Da kannst du froh sein. Ich vermute, du hattest demnach den Abstand den man braucht, um die Lage aus der notwendigen Entfernung zu beurteilen. Dieses Glück hatte ich nicht.
Meine Frau hatte nach 2-maliger Rücken-OP derartige Schmerzen, dass sie manisch depressiv wurde, und am Ende so viele Schmerz- und Schlaftabletten schluckte, dass sie daran starb. So ein Ende ist schrecklich, weil man keinen Ausweg mehr erkennt. Da änderte ich meine Meinung, und bin seither Befürworter von Sterbehilfe (an ein weiterleben nach dem Tod, habe ich sowieso nie geglaubt).
Der Naturalist sagt nichts Abschließendes darüber, was in der Welt ist.

1Johannes4
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Re: Ist sterben lassen nicht humaner?

Beitragvon 1Johannes4 » Fr 18. Aug 2017, 18:05

Hallo Pluto,

persönliche Schicksalsschläge waren noch nie ein guter Ratgeber für gesellschaftliche Belange.

Ich kann zwar auch verstehen, dass beispielsweise Angehörige von ermordeten, vergewaltigten oder missbrauchten Kindern sich wünschen, dass die Täter an den Genitalien aufgehängt werden bis der Tod eintritt, aber ich bliebe dennoch dabei, dass der Schutz von Leib und Leben auch für verurteilte Straftäter gilt (und weiterhin gelten soll). Auch in solchen Fällen würde ich erwarten, dass Angehörige denen, die ihnen widersprechen, am Liebsten vorwerfen, dass diese nur über theoretisches Wissen verfügen - dergleichen ist aber nichts weiter als ein Totschlagargument, dem die implizite Behauptung zugrunde liegt, dass für ein Erkennen der angeblichen Wahrheit eine persönliche Erfahrung notwendig sei. Eigentlich verhält es sich aber genau umgekehrt: genauso wie bei Richtern kommt es auf eine anzustrebende Unbefangenheit an, wenn es darum geht, dass eine Regelung oder Entscheidung möglichst gerecht sein soll.

Aber wenn man meint, dass persönliche Erfahrungen der Maßstab für die ganze Gesellschaft sein sollten, wäre es vermutlich auch sinnvoll Alkohol komplett zu verbieten, auf allen Straßen einschließlich Autobahnen eine Geschwindigkeitsobergrenze von ca. 12 km/h einzurichten, keine öffentlichen Schwimmbecken, die tiefer als 50 cm sind, usw. ...

Um es auch klar zu sagen: es ist Aufgabe des Staates das Recht seiner Bürger auf körperliche Unversehrtheit und Erhaltung des Lebens zu schützen. Wenn der Staat das gut macht, wird es selbstverständlich auch dann Einzelfälle geben, die anscheinend durch eine solche allgemeine Regelung unverhältnismäßig benachteiligt werden - zum Beispiel jene, wo die meisten Leute meinen zu verstehen, warum man dann nicht mehr weiterleben will bzw. dergleichen kein wirkliches Leben sei. Diesen Konflikt zwischen allgemeinen Regelungen und Einzelfällen gibt es aber bei allen Gesetzen und Rechten und ist grundsätzlich nicht völlig vermeidbar. Ob Ausnahmeregelungen da sinnvoll sind, sollte man sich aber gut überlegen.

Grüße,
Daniel.

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Re: Ist sterben lassen nicht humaner?

Beitragvon Pluto » Fr 18. Aug 2017, 18:15

1Johannes4 hat geschrieben:Um es auch klar zu sagen: es ist Aufgabe des Staates das Recht seiner Bürger auf körperliche Unversehrtheit und Erhaltung des Lebens zu schützen.
Das bestreite ich doch nicht, Daniel.
Aber darf der Betroffene nicht über sein eigenes Leben bestimmen? Muss man sich das vom Staat diktieren lassen?

1Johannes4 hat geschrieben:Wenn der Staat das gut macht, wird es selbstverständlich auch dann Einzelfälle geben, die anscheinend durch eine solche allgemeine Regelung unverhältnismäßig benachteiligt werden - zum Beispiel jene, wo die meisten Leute meinen zu verstehen, warum man dann nicht mehr weiterleben will bzw. dergleichen kein wirkliches Leben sei.
Warum maßen wir uns an, über diese Menschen zu urteilen, und meinen, ihnen sei geholfen, wenn sie am Leben bleiben müssen?

1Johannes4 hat geschrieben:Diesen Konflikt zwischen allgemeinen Regelungen und Einzelfällen gibt es aber bei allen Gesetzen und Rechten und ist grundsätzlich nicht völlig vermeidbar. Ob Ausnahmeregelungen da sinnvoll sind, sollte man sich aber gut überlegen.
Kein Außenstehender sollte über den Willen eines anderen Menschen urteilen, und meinen er/sie wisse es besser.

Ich finde so viel Respekt gebührt dem Willen des Betroffenen.
Der Naturalist sagt nichts Abschließendes darüber, was in der Welt ist.

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Re: Ist sterben lassen nicht humaner?

Beitragvon 1Johannes4 » Fr 18. Aug 2017, 19:37

Pluto hat geschrieben:Aber darf der Betroffene nicht über sein eigenes Leben bestimmen? Muss man sich das vom Staat diktieren lassen?

Doch, man darf über sein eigenes Leben bestimmen, aber nicht völlig blind und uneingeschränkt - was sich z.B. auch im Grundgesetz ausdrückt:
Artikel 2 Grundgesetz hat geschrieben:(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.
(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.

Wenn Du Dich als selbst umbringen möchtest, ist das Deine private Angelegenheit. Aber darum geht es hier doch nicht. Es geht um die Beihilfe zur Selbsttötung eines Anderen und da wird es komplizierter. Der verlinkte Wikipedia-Artikel gibt meiner Meinung nach einen ganz guten ersten Einblick in die damit einhergehenden Probleme und wie die derzeitige Rechtsprechung dazu aussieht.

Pluto hat geschrieben:Warum maßen wir uns an, über diese Menschen zu urteilen, und meinen, ihnen sei geholfen, wenn sie am Leben bleiben müssen?

Wo urteile ich über Leute, die sich selbst umbringen? Ganz im Gegenteil - jedem, der diese Selbstbestimmung befürwortet empfehle ich einen möglichst frühzeitigen Freitod, wo man dabei noch nicht durch Krankheit oder etwaige Unfälle auf fremde Hilfe angewiesen ist. Aber dafür sind die meisten Leute zu selbstsüchtig: sie wollen von ihrem eigenen Leben möglichst viel und akzeptieren daher lieber, dass Andere da mit hineingezogen werden obwohl das nicht unbedingt nötig wäre.

Pluto hat geschrieben:Kein Außenstehender sollte über den Willen eines anderen Menschen urteilen, und meinen er/sie wisse es besser.

Und wenn Du gerne ein Haus hättest, darfst Du von mir erwarten, dass ich es Dir baue? Wie wäre es noch mit einem Auto und einem Boot dazu? Kurzum: Es gibt Dinge, da liegt es allein in der eigenen Verantwortung es zu tun, solange man es eben kann - aber es gibt kein Anrecht, dass einem Andere dabei helfen müssten bzw. dass solche Hilfe geltende Gesetze ignorieren darf.

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Re: Ist sterben lassen nicht humaner?

Beitragvon Pluto » Fr 18. Aug 2017, 19:51

1Johannes4 hat geschrieben:Wenn Du Dich also selbst umbringen möchtest, ist das Deine private Angelegenheit. Aber darum geht es hier doch nicht. Es geht um die Beihilfe zur Selbsttötung eines Anderen und da wird es komplizierter. Der verlinkte Wikipedia-Artikel gibt meiner Meinung nach einen ganz guten ersten Einblick in die damit einhergehenden Probleme und wie die derzeitige Rechtsprechung dazu aussieht.
Stimmt. Mir geht es um passive Hilfe. So steht es übrigens auch in dem von dir verlinkten Wiki-Artikel:
Die Beihilfe zum Suizid, beispielsweise das Besorgen oder Bereitstellen tödlich wirkender Medikamente, ist in Deutschland mangels Vorliegens einer fremden, rechtswidrigen Haupttat nicht strafbar...


1Johannes4 hat geschrieben:Und wenn Du gerne ein Haus hättest, darfst Du von mir erwarten, dass ich es Dir baue?
Wenn du es denn kannst, dann ja. Viele Leute bauen Häuser und verdienen so ihren Lebensunterhalt.

1Johannes4 hat geschrieben:Wie wäre es noch mit einem Auto und einem Boot dazu?
Noch so gerne! :thumbup:

1Johannes4 hat geschrieben:Kurzum: Es gibt Dinge, da liegt es allein in der eigenen Verantwortung es zu tun, solange man es eben kann - aber es gibt kein Anrecht, dass einem Andere dabei helfen müssten bzw. dass solche Hilfe geltende Gesetze ignorieren darf.
Naja. So wie das Gesetzt geschrieben ist, hast du recht. Aber genau deshalb plädieren Viele für eine Änderung. Ich finde, es ist redlich, einem anderen Menschen zu helfen, wenn er es den möchte. Ich rede nicht von Euthanasie, sondern davon, alles zu tun, um dem anderen zu helfen. Ich halte das für ein Gebot der Nächstenliebe, selbst dann wenn es gegen das Gesetz ist.

Ich glaube, auch du hast die Situation nie selber erleben müssen, sonst würdest du nicht so denken.
Einmal ist es mir gelungen, meine Frau aus den Klauen des Todes zu retten: Die Folge waren Beschimpfungen und Verurteilung, "Warum hast du das getan?"
Der Naturalist sagt nichts Abschließendes darüber, was in der Welt ist.

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Re: Ist sterben lassen nicht humaner?

Beitragvon 1Johannes4 » Fr 18. Aug 2017, 22:32

Hallo Pluto,

Pluto hat geschrieben:Ich glaube, auch du hast die Situation nie selber erleben müssen, sonst würdest du nicht so denken.

Eigentlich hatte ich es schon versucht zu erklären: auch wenn ich beispielsweise persönlich erlebt hätte, dass jemand in meinem Umfeld im Straßenverkehr umgekommen wäre, wäre ich deswegen doch nicht dafür, dass alle Leute generell nur noch 12 km/h fahren dürfen damit sich dergleichen unmöglich wiederholen kann. Aber von jemandem, der eine solche Geschwindigkeitsbegrenzung haben wollte, würde ich mir wohl auch anhören müssen, dass ich wohl noch niemanden im Straßenverkehr verloren habe, da ich mich ja ansonsten anders äußern würde. Es ist halt nicht unbedingt sinnvoll seinen Standpunkt aus einer einzigen prägenden Erfahrung abzuleiten.

Sowohl beruflich wie auch privat habe ich mehr als genug Erfahrungen mit diesem Thema. Wenn es Dich interessiert beschreibe ich Dir meine Erfahrungen mal per PM.

Grüße,
Daniel.


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