Was ist Gerechtigkeit?

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ThomasM
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Was ist Gerechtigkeit?

Beitrag von ThomasM » Fr 17. Nov 2017, 09:45

Im zurückliegenden Wahlkampf hatten sich mehrere Parteien für "Mehr Gerechtigkeit" in Deutschland stark gemacht.
Aber wie dieser Begriff verstanden wird, ist irgendwie komisch.

Dass Firmen legale Wege nutzen, um Steuern zu sparen, wird als ungerecht empfunden oder als ungerecht propagiert.
Eine Steuer (Soli), die Gutverdiener überproportional belastet, wird als gerecht empfunden (aktuelles großes Streitthema für Jamaika).
Dass Manager hohe Boni kassieren, wird als ungerecht empfunden, aber dass einfache Arbeiter beinahe so viel verdienen wie Facharbeiter, als gerecht.

Was ist denn jetzt Gerechtigkeit?
Oder ist das Ganze nur emotionaler Egoismus, d.h. man empfindet etwas als gerecht, wenn einem selbst nützt?
Gott würfelt nicht, meinte Einstein. Aber er irrte. Gott nutzt den Zufall - jeden Tag.

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Pluto
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Re: Was ist Gerechtigkeit?

Beitrag von Pluto » Fr 17. Nov 2017, 10:18

ThomasM hat geschrieben:Was ist denn jetzt Gerechtigkeit?
Oder ist das Ganze nur emotionaler Egoismus, d.h. man empfindet etwas als gerecht, wenn einem selbst nützt?
Richtig.
Das Christentum lebt vom Versprechen einer ausgleichenden Gerechtigkeit nach dem Tod. (Die Letzten werden die Ersten sein...)
Doch in der Welt in der wir leben, gibt es keine Gerechtigkeit. So nimmt man sich das was man kann, wenn man es kann.
Der Naturalist sagt nichts Abschließendes darüber, was in der Welt ist.

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Helmuth
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Re: Was ist Gerechtigkeit?

Beitrag von Helmuth » Fr 17. Nov 2017, 10:45

ThomasM hat geschrieben: Was ist denn jetzt Gerechtigkeit?
Gerechtigkeit hat zunächst nichts mit einer bestimmten Einkommenshöhe oder Besitz zu tun. Wenn ich Ländereien erbe, bin ich deswegen kein ungerechter Mensch, nur weil andere nicht dasselebe oder gar nichts geerbt haben. Das ist nicht mein Fehler.

Gerecht behandelt wirst du dann, denn du exakt erhältst, was mit dir verhandelt wurde bzw. was ein Gesetz dir zuspricht. Erhältst du mehr, wirst du dich nicht weiter aufregen, wohl aber andere, wenn diese dann deinetwegen zu kurz kommen.

Erhalten alle mehr wird sich keiner aufregen. Erhalten alle weniger schreien die meisten schnell von Ungerechtigkeit. Aber wenn wir uns z.B. den Sozialtopf des Staates ansehen, dann ist darin entweder immer zuwenig oder für andere einfach zuviel. Daher kann das nur ein Gesetz regeln, auf das sich all einigen.

Aber das ist nur ein Teilaspekt. Gerechtigkeit ist mehr als nur Hab und Gut. Es ist vor allem ein geistlicher Wandel. Und daher redet Gott auch sehr viel von SEINER Gerechtigkeit. Darüber ließe es sich m.E. tiefergehend reden als nur über Vermögensumverteilung.
Herzliche Grüße
Helmuth

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Pluto
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Re: Was ist Gerechtigkeit?

Beitrag von Pluto » Fr 17. Nov 2017, 11:15

Helmuth hat geschrieben:Gerechtigkeit hat zunächst nichts mit einer bestimmten Einkommenshöhe oder Besitz zu tun. Wenn ich Ländereien erbe, bin ich deswegen kein ungerechter Mensch, nur weil andere nicht dasselebe oder gar nichts geerbt haben. Das ist nicht mein Fehler.
Da hast du ab einem bestimmten Level recht. Gerechtigkeit hat mit innerer Zufreidenheit zu tun.
Helmuth hat geschrieben:Erhalten alle mehr wird sich keiner aufregen. Erhalten alle weniger schreien die meisten schnell von Ungerechtigkeit. Aber wenn wir uns z.B. den Sozialtopf des Staates ansehen, dann ist darin entweder immer zuwenig oder für andere einfach zuviel. Daher kann das nur ein Gesetz regeln, auf das sich all einigen.
Das ist das Prinzip einer Marktwirtschaft.
Du rückst Gerechtigkeit in die Nähe von Glückseligkeit. Wenn ein Mensch glücklich ist, spiegelt sich das darin wieder, dass er sein Los als gerecht empfindet. Das ist fast unabhängig vom Einkommen, außer bei den sehr Armen und sehr reichen. Sehr arme Menschen fühlen sich meist ungerecht behandelt vom Leben. Für sehr reiche Menschen hat ihr Reichtum nichts mit Gerechtigkeit zu tun, sonder wie du oben schreibst: sie können nichts dafür.
Helmuth hat geschrieben:Aber das ist nur ein Teilaspekt. Gerechtigkeit ist mehr als nur Hab und Gut. Es ist vor allem ein geistlicher Wandel. Und daher redet Gott auch sehr viel von SEINER Gerechtigkeit. Darüber ließe es sich m.E. tiefergehend reden als nur über Vermögensumverteilung.
Richtig! Es hat mit dem subjektiven Gefühl des Glücks zu tun.
Vor 200 Jahren waren Kindersterblichkeit und Armut alltäglich. Heute ist die Kindersterblichkeit fast nicht mehr vorhanden und Armut ist dank den Transferleistungen des Sozialstaats bei uns (fast) ausgerottet. Kann man sagen, dass die Welt heute gerechter ist, und die Menschen glücklicher sind, weil Familien nicht mehr darunter leiden auseinander gerissen zu werden, oder kaum einer mehr in Armut leben muss? Oder waren die Menschen früher glücklicher?
Der Naturalist sagt nichts Abschließendes darüber, was in der Welt ist.

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Re: Was ist Gerechtigkeit?

Beitrag von ThomasM » Fr 17. Nov 2017, 12:41

Helmuth hat geschrieben:
Gerechtigkeit hat zunächst nichts mit einer bestimmten Einkommenshöhe oder Besitz zu tun. Wenn ich Ländereien erbe, bin ich deswegen kein ungerechter Mensch, nur weil andere nicht dasselebe oder gar nichts geerbt haben. Das ist nicht mein Fehler.
Auch das wird heutzutage bezweifelt (von bestimmten politischen Richtungen).

Wenn du etwas erbst, dann bist du ohne eigenes Zutun reich und privilegiert.
Reiche und privilegierte Menschen haben mehr Möglichkeiten und mehr Chancen.
Das ist ungerecht
Da man die Möglichkeiten und Chancen nicht ändern kann, deklariert man das Erben als Ungerechtigkeit.
Gott würfelt nicht, meinte Einstein. Aber er irrte. Gott nutzt den Zufall - jeden Tag.


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Re: Was ist Gerechtigkeit?

Beitrag von Pluto » Fr 17. Nov 2017, 13:27

Janina hat geschrieben: Bild
https://gutezitate.com/zitat/281264
Anders ausgedrückt:
Wenn du im Supermarkt nach dem Preis einer Ware fragen musst, kannst du sie dir nicht leisten.
Der Naturalist sagt nichts Abschließendes darüber, was in der Welt ist.

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Re: Was ist Gerechtigkeit?

Beitrag von Janina » Fr 17. Nov 2017, 13:36

Pluto hat geschrieben:Wenn du im Supermarkt nach dem Preis einer Ware fragen musst, kannst du sie dir nicht leisten.
Wenn ich danach fragen muss, hat jemand verpennt, das Preisschild draufzukleben. :P

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Re: Was ist Gerechtigkeit?

Beitrag von Rembremerding » Fr 17. Nov 2017, 13:39

Gerechtigkeit kann unterschiedlich definiert werden, weil es auf die Basis der Ethik ankommt, auf der man argumentiert.
Der Soziologe Max Weber vertrat in einer Rede (Politik als Beruf, 1919) die Auffassung, es gebe eine letzte, argumentativ nicht mehr entscheidbare Alternative zwischen zwei moraltheoretischen Grundtypen, nämlich die Unterteilung in Gesinnungsethik und Verantwortungsethik. Wer auf das eine oder andere aufsetzt kann sich für diese Grundentscheidung nicht mehr rechtfertigen.

Ein Verantwortungsethiker ist für Weber jener, der bei seinem Handeln die Gesamtheit der Folgen seines Handelns bedenkt und der die Bewertung dieser Folgen zum Maßstab seiner Entscheidung macht. Er argumentiert demnach konsequentialistisch, mit Begriffen wie Nutzen, Situation, Abwägung, geringeres Übel und Bezugsrahmen.

Gesinnungsethiker ist jener, der bestimmte Handlungen kontextunabhängig als moralisch oder unmoralisch qualifiziert, es ohne Rücksicht auf die Folgen bestimmter Handlungen oder Unterlassungen tut, was er für das sittlich Gebotene hält. Er argumentiert demnach deontologisch, mit Begriffen wie Prinzip, Pflicht, Absolutheit und Unbedingtheit.

Weber nannte die Gesinnungsethik auch die "Ethik des Heiligen" und die Verantwortungsethik die "Ethik des Politikers".

Dies sollte man bei der Beantwortung der Threadfrage einfließen lassen: Wird Gerechtigkeit aus einer Gesinnung heraus oder einer Verantwortung heraus bewertet?
Dies nur so als Impuls zur Feststellung der Basis, von der man aus argumentiert.


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Helmuth
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Re: Was ist Gerechtigkeit?

Beitrag von Helmuth » Fr 17. Nov 2017, 14:07

Rembremerding hat geschrieben:Wird Gerechtigkeit aus einer Gesinnung heraus oder einer Verantwortung heraus bewertet?
Beides. Es künstlich aufzuteilen kann zwar als intellektuelle Herausforderung betrachtet werden, Sinn und Zweck bleiben dennoch zusammenhängend. Der Sinn bestimmt den Zweck, der Zweck richtet sich nach dem Sinn. Zusammen bildet es das Verantwortungsbewusstsein. Die Schrift hat dafür den Begriff "geistlich gesinnt" bzw. den "Sinn Christi" im NT geprägt.

Der gerechten Gesinnung folgt verantwortungsvolles Handeln. Verantwortungsvolles Handeln kann wiederum nur dort erfolgen, wo der göttliche Sinn erfasst wurde.

Daher kann man auch nur von Gott letzten Endes gerecht gesprochen werden, und erst in zweiter Linie von Menschen, die auch seinem Sinn (das ist seinem Willen) folgen. Der Mensch definert also "Gerechtigkeit" nicht, wie er sich auch keine eigene "Moral" zurechtlegen kann.

Als Messlatte dafür kann Segen und Fluch herangezogen werden. Was gerecht erfolgt wird von Gott gesegnet, was nicht gerecht erfolgt, zieht Fluch nach sich. Der Segen belebt eine Sache, der Fluch zerstört und tötet sie dagegen. Oberster Maßstab ist und bleibt dafür das Wort Gottes und keine philosophische Betrachtung. Es ist am Ende sehr, sehr real, spürbar und entweder erfüllend oder vernichtend.
Herzliche Grüße
Helmuth

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