Wie aktuell ist heute George Orwells "1984"?

Säkularismus
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R.F.
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Re: Wie aktuell ist heute George Orwells "1984"?

Beitragvon R.F. » Fr 4. Aug 2017, 13:34

Pluto hat geschrieben:Was Orwell nicht wusste...

Orwell hatte keine Ahnung von der Funktion des Gehirns.
- - -
Ich könnte hier weiter machen, aber von Alledem hatte Orwell keine Ahnung, einfach weil viele Erkenntnisse zu spät erkannt wurden.

Orwell, wie wir Menschen überhaupt brauchen diese Kenntnisse nicht, weder für richtige noch für falsche Entscheidungen. Das Wissen um das Gehirn von Mensch und Tier ist eh äußerst rudimentär.
Zur Beschreibung der Weltgesellschaft ist zunächst Realitätssinn und Aufrichtigkeit (jawohl: Aufrichtigkeit) erforderlich. In eingeschränkten Umfang verfügt der interviewte Autor Yuval Harari über diese Eigenschaften.

http://www.zeit.de/zeit-wissen/2017/04/ ... sellschaft

Zitate:

ZEIT Wissen: Eine selbsterfüllende Prophezeiung?
Harari: In diesem psychologischen Problem sehe ich die Hauptgefahr: Die Menschen empfinden ihre Situation als schlecht und fühlen sich bedroht. Wer unsicher ist, investiert in Rüstung statt in Bildung. Dann werden die Nachbarn nervös und rüsten ebenfalls auf. Und sehr schnell geraten die Dinge außer Kontrolle.
- - -
Harari: Effizienz, um die Probleme zu lösen, die zu groß für die einzelnen Stämme waren. Aber es war damals ein großer Aufwand, den Menschen eine nationale Identität aufzuprägen, und das ist es auch heute noch: eine Gehirnwäsche von Geburt an. Dafür haben wir diese gewaltigen Bildungssysteme, die Propaganda, das Flaggenschwenken: um uns zu überzeugen, dass wir Israelis, Deutsche oder Franzosen sind. Heute sind wir an einem Punkt, an dem die Nationen von heute wie die Stämme damals am Nil dastehen. Wir leben am Cyber-Fluss, und keine Nation kann ihn kontrollieren. Wir haben die Atomenergie, die ein gewaltiges Versprechen und eine gewaltige Bedrohung ist, wir haben den Klimawandel. Wie einst am Nil sind wir in einer Situation, in der wir viel besser kooperieren müssen, wenn wir überleben und gedeihen wollen. Wird es uns gelingen? Ich weiß es nicht.

ZEIT Wissen: Die politische Entwicklung scheint in die andere Richtung zu gehen.
Harari: Ja, besonders in den letzten zwei oder drei Jahren. Das ist höchst gefährlich. Menschen sind sehr schlaue Tiere, aber sie neigen dazu, schreckliche Fehler zu machen. Wir sollten nie die menschliche Dummheit unterschätzen. Der Klimawandel bedroht das Fundament unserer Zivilisation, darüber gibt es einen wissenschaftlichen Konsens, aber Donald Trump leugnet ihn, weil er für ihn keine Lösung auf nationaler Ebene hat. Man kann es Dummheit nennen oder Blindheit. Auf individueller Ebene machen Menschen dumme Fehler, wenn es darum geht, wen sie heiraten oder was sie studieren oder arbeiten. So ist es keine Überraschung, dass wir es auf kollektiver Ebene nicht besser machen. Was war der Erste Weltkrieg anderes als ein schrecklicher Fehler?


Auf eine wesentlichen Punkt gingen Interviewer wie Interviewter nicht näher ein: Auf die unglaubliche Verlogenheit der Gesellschaft.

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Re: Wie aktuell ist heute George Orwells "1984"?

Beitragvon fin » Fr 4. Aug 2017, 14:56

-- :idea: --

R.F. hat geschrieben:Auf einen wesentlichen Punkt gingen Interviewer wie Interviewter nicht näher ein: Auf die unglaubliche Verlogenheit der Gesellschaft.


Das scheint mir überhaupt ein zentraler Aspekt zu sein, dem man viel tiefer betrachten und untersuchen sollte.
Warum wird die 'Lüge' überhaupt in Erwägung gezogen? Was ist ihr Urgrund? Warum nicht voll und ganz auf diese Option verzichten? ...

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Re: Wie aktuell ist heute George Orwells "1984"?

Beitragvon Pluto » Fr 4. Aug 2017, 16:43

R.F. hat geschrieben:
Pluto hat geschrieben:Was Orwell nicht wusste...

Orwell hatte keine Ahnung von der Funktion des Gehirns.
- - -
Ich könnte hier weiter machen, aber von Alledem hatte Orwell keine Ahnung, einfach weil viele Erkenntnisse zu spät erkannt wurden.

Orwell, wie wir Menschen überhaupt brauchen diese Kenntnisse nicht, weder für richtige noch für falsche Entscheidungen. Das Wissen um das Gehirn von Mensch und Tier ist eh äußerst rudimentär.
Du könntest mit deiner Aussage nicht falscher liegen. Jedenfalls ist es kein Grund um nicht zu forschen.
Wir wissen heute mehr als vor einem Jahr, und sehr viel mehr als vor 10 oder 20 Jahren.
Dass unser Wissen vergleichsweise gering ist, liegt wohl vor allem an der hohen Komplexität des Gehirns.

R.F. hat geschrieben:Zur Beschreibung der Weltgesellschaft ist zunächst Realitätssinn und Aufrichtigkeit (jawohl: Aufrichtigkeit) erforderlich. In eingeschränkten Umfang verfügt der interviewte Autor Yuval Harari über diese Eigenschaften.
Gut möglich, aber hier geht es um Orwell.

Kennst du Hararis Buch, Eine kurze Geschichte der Menschheit?

Wollen wir einen Thread zu Harari eröffnen?
Der Naturalist sagt nichts Abschließendes darüber, was in der Welt ist.

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Re: Wie aktuell ist heute George Orwells "1984"?

Beitragvon Pluto » Fr 4. Aug 2017, 16:54

fin hat geschrieben:
R.F. hat geschrieben:Auf einen wesentlichen Punkt gingen Interviewer wie Interviewter nicht näher ein: Auf die unglaubliche Verlogenheit der Gesellschaft.


Das scheint mir überhaupt ein zentraler Aspekt zu sein, dem man viel tiefer betrachten und untersuchen sollte.
Das ist nicht Hararis Thema. Er ist Historiker und nicht Psychoanalytiker.

Es ist sehr leicht heute Lügen in Form von "Fake News" zu verbreiten. Vielleicht ist es der "Kick", den manche Menschen empfinden auf den sozialen Medien die Unwahrheit zu verbreiten?

fin hat geschrieben:Warum wird die 'Lüge' überhaupt in Erwägung gezogen? Was ist ihr Urgrund? Warum nicht voll und ganz auf diese Option verzichten? ...
Jeder Mensch lügt doch ohnehin den ganzen Tag lang. Schätzungsweise etwa 200 Lügen pro Tag. Und wenn es nur die kleine Notlüge ist, mit der man auf die Frage antwortet, "Wie gehts dir heute?"
Der Grund: Wir wollen, dass andere glauben, wir seien besser als wir tatsächlich sind.
Der Naturalist sagt nichts Abschließendes darüber, was in der Welt ist.

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Re: Wie aktuell ist heute George Orwells "1984"?

Beitragvon R.F. » Fr 4. Aug 2017, 18:26

fin hat geschrieben:-- :idea: --

R.F. hat geschrieben:Auf einen wesentlichen Punkt gingen Interviewer wie Interviewter nicht näher ein: Auf die unglaubliche Verlogenheit der Gesellschaft.


Das scheint mir überhaupt ein zentraler Aspekt zu sein, dem man viel tiefer betrachten und untersuchen sollte.
Warum wird die 'Lüge' überhaupt in Erwägung gezogen? Was ist ihr Urgrund? Warum nicht voll und ganz auf diese Option verzichten? ...

Man muss nicht die Gehirnfunktionen im biologischen Sinne kennen, um die Ursachen von gesellschaftlichen Katastrophen - Wirtschaftsdepressionen, Krieg - zu beschreiben. Der Mensch weiß gut genug, dass Gier und Machthunger dahinter stehen. Auch weiß er, dass diese Triebe beherrschbar sind. Doch mit falschen Versprechen ziehen die Protagonisten der Gesellschaft die Menschen auf ihre Seite. Die vorgebrachten Lügen werden zwar keineswegs von allen geglaubt. Aber es sind regelmäßig zu wenige, die dagegen aufbegehren. Das war nicht nur während des Dritten Reiches so. Auch während den Vor-Phasen zu solchen Regimen verhalten sich die Menschen ähnlich. So auch heute...

Nehmen wir den wichtigen Bereich der Weltfinanzen ins Visier: Seit Beginn der Weltwirtschafts- und Finanzkrise pumpten die Zentralbanken Fachartikeln zufolge fünfzehn Billionen Dollar in die Wirtschaft (es sind höchstwahrscheinlich deutlich mehr). Doch die tatsächlichen Empfänger waren die Geldhäuser und nicht die Wirtschaft. Wer glaubt, dass diese Geldwirtschaft ohne gravierende Folgen bleibt, muss annehmen, dass den Wirtschaftsstudenten falsche Theorien gelehrt werden. In der Gier liegt eine wesentliche Ursache für den nächsten Großkrieg. Um die Weltbevölkerung nicht in panische Ängste zu treiben, versuchen Politiker und Wirtschafter sie über den wahren Zustand der Wirtschaftslage zu täuschen...


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