Im Spannungsfeld zwischen Säkularismus und Scharia

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Helmuth
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Re: Im Spannungsfeld zwischen Säkularismus und Scharia

Beitragvon Helmuth » So 10. Jun 2018, 18:55

piscator hat geschrieben:Und da komme ich wieder auf meine vorherige Aussprache zurück, dass unsere Freiheit nicht nur bedeutet, ein Kopftuch tragen zu dürfen, sondern auch bedeutet, das Kopftuch zurück zu lassen und die Freiheit, die unsere Gesellschaft gewährt, ohne Beschränkungen zu genießen.

Siehst du, das ist eigentlich eine durch Gott gegeben Freiheit und damit weder eine politische noch eine religiöse Angelegenheit. Kein Staat oder irgendeine Gemeinschaft dürfte hier in die Privatsphäre der Bürger eingeifen. Gottes Freiheit wäre wahre Freiheit.
Herzliche Grüße
Helmuth

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closs
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Re: Im Spannungsfeld zwischen Säkularismus und Scharia

Beitragvon closs » So 10. Jun 2018, 19:23

piscator hat geschrieben: Interessanterweise weiß ich aus Gesprächen mit meiner entsprechenden Mandantschaft, dass muslimische Frauen, die sich emanzipiert haben, wirtschaftlich unabhängig sind und sich westlich kleiden, relativ schnell die türkisch/muslimisch dominierten Gegenden verlassen und sich ganz normal unter die Bevölkerung mischen.
Das klingt einleuchtend - trotzdem: Wie kommst Du darauf, dass jemand "emanzipiert" ist, wenn er sich nicht kultur-traditionell kleidet? - Können Dirndl-Mädels nicht emanziert sein?

piscator hat geschrieben:Und da komme ich wieder auf meine vorherige Aussprache zurück, dass unsere Freiheit nicht nur bedeutet, ein Kopftuch tragen zu dürfen, sondern auch bedeutet, das Kopftuch zurück zu lassen und die Freiheit, die unsere Gesellschaft gewährt, ohne Beschränkungen zu genießen.
Richtig - beides. - Das hat sogar lange Tradition - noch Ende des 19. Jh. musste die Tochter entscheiden, ob sie mit der Volljährigkeit ein Bauernkleid oder ein Stadtkleid bekamen (beides war zu teuer).

piscator hat geschrieben: Warum nimmt man nicht eine ganz normale Frau, die Moslem ist und kein Kopftuch trägt?
Beides kommt vor - in Talkshows sitzen oft verwestlichte Moslems, die nichtsdestoweniger um Verständnis für ihre Kultur werben.

SamuelB
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Re: Im Spannungsfeld zwischen Säkularismus und Scharia

Beitragvon SamuelB » So 10. Jun 2018, 19:24

Munro hat geschrieben:Gibt es denn ein "christliches Kopftuch"?
Ich meine: Nein.

Wie meinst du das?
Die Frau in diesem Video trägt bspw. eins:
https://www.youtube.com/watch?v=SrjQAGGG2BY&t=819s
Ich mache derzeit eine Pause.

Im Notfall --> urakaabarameel@gmx.de Und wehe, es ist nicht wichtig!

SilverBullet
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Re: Im Spannungsfeld zwischen Säkularismus und Scharia

Beitragvon SilverBullet » So 10. Jun 2018, 21:54

Gerade eben bin ich über diese Nachricht gestolpert (ist schon 2 Tage alt, aber immerhin habe ich es ja noch gesehen :-)):
Österreich (also die dortige Regierung) verdächtigt mehrere Moscheen und deren Imame einen „politischen Islam“ zu verfolgen und fremdgesteuert zu sein (-> Türkei).

Exakt bei solchen Anlässen wird die Gefahr überdeutlich, die durch das Nicht-Ansprechen von organisierter Nicht-Integration entsteht.
Das Verharmlosen von offensichtlichen Problem-Zusammenhängen kann sich genau dann rächen, wenn der Konflikt wie ein Vulkan ausbricht, weil es zeitgleich zu viele Menschen nicht mehr aushalten.
Das ist hier wohl nicht der Fall – oder ist der österreichische Wahlausgang bereits ein Zeichen für ein gewisses Brodeln unter der Oberfläche?

Deshalb plädiere ich für ein klares Ansprechen von organisierter Nicht-Integration auf Basis von Funktionszusammenhängen, also dass man klar sagt, dass das Zusammenleben von Kulturen (in Deutschland) durch das neutrale Auftreten funktioniert und nicht durch das dauerhaft offensive Präsentieren der eigenen Kultur à la „die anderen müssen lernen es zu akzeptierten“.
Wenn dieses Streben nach Neutralität flächendeckender Konsens ist, dann entstehen die unterschwelligen Brodelstellen viel schwerer und ein plötzlicher Ausbruch ist unwahrscheinlich.

Es sieht sehr ungeschickt aus, wenn man am Ende nur noch sagen kann „wir wussten von nichts“ und „wir konnten nichts machen“.

Ein weiteres grosses Problem, das ich in dem obigen Fall sehe, ist die Reaktion aus der Türkei.
Die Nachricht des Schliessungsvorhabens wurde nicht etwa mit einem Achselzucken hingenommen à la „was interessieren uns die religiösen Vorgänge in Österreich“, sondern es wurde mit entsprechenden Gegenreaktion gedroht.

Damit liegt eine Art „Bestätigung“ vor, dass es um eine politische Steuerung geht.

Dass dies von einer rechten Partei „aufgedeckt“ wird, spielt den rechten Strömungen enorm in die Hände. Nun können sie sich als die „aufrichtigen Verteidiger“ präsentieren und die bisherigen Verantwortlichen ungünstig aussehen lassen – wohin das führen kann, wissen wir – dumm nur, dass es wieder so los geht -> „aber wir wussten ja von nichts“.

Obwohl die Nicht-Integration das eigentliche Problem ist, kann dies ohne weiteres von dem Aufreger einer Fremdsteuerung (hier: Türkei) überlagert werden und am Ende wird einfach nur noch gestritten und der andere verdächtigt.

Da die relevante Religions-Organisation in Deutschland analog zu Österreich aktiv ist, kann ich nur sagen „Holzauge sei wachsam“. Die „Nicht-Rechten-Parteien“ sollten sich jetzt klug verhalten und zeigen, dass sie die Neutralität im Auftreten der Kulturen als Basis des Zusammenlebens anstreben wollen.

Nicht-Integration kann durchaus toleriert werden, aber man muss Nicht-Integration klar ansprechen und darf nicht einfach einen politischen Weichspüler darüber ausschütten. Man muss das, was integrierten Bürgern auffällt, ernst nehmen.
Leider scheinen unsere Politiker auf Basis der Vergangenheit etwas limitiert in ihrem Reaktionsrepertoire zu sein – sie versuchen angestrengt jeden Eindruck von Nationalgetümmel zu vermeiden.
Es geht aber gar nicht um Nationalität, sondern um die funktionale Grundlage des Zusammenlebens von Kulturen in einem Staat wie Deutschland und die lautet: Demonstration des Herausnehmens der eigenen Kultur bei Interaktion zwischen Menschen mit unterschiedlichen Kulturen.

Übernimmt man hier nicht die Deutungs-/Festlegungshoheit, dann wird diese Lücke von Leuten gefüllt, die kein Problem mit Nationalgetümmel haben (ist das in Österreich gerade der Fall?).

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closs
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Re: Im Spannungsfeld zwischen Säkularismus und Scharia

Beitragvon closs » So 10. Jun 2018, 23:42

SilverBullet hat geschrieben:Exakt bei solchen Anlässen wird die Gefahr überdeutlich, die durch das Nicht-Ansprechen von organisierter Nicht-Integration entsteht.
Das hat nichts mit "Nicht-Integration" zu tun, sondern mit möglichen Straftaten. - Das sollte man nicht verwechseln.

SilverBullet hat geschrieben:Wenn dieses Streben nach Neutralität flächendeckender Konsens ist, dann entstehen die unterschwelligen Brodelstellen viel schwerer und ein plötzlicher Ausbruch ist unwahrscheinlich.
Das kann auch zu "unter-der-Decke-halten" führen. - Zumal: Was ist das für eine Kultur, die aus Negation besteht ("Neutralität")?

SilverBullet hat geschrieben:Es sieht sehr ungeschickt aus, wenn man am Ende nur noch sagen kann „wir wussten von nichts“ und „wir konnten nichts machen“.
Typisch deutscher Alarmismus. - Für Verstöße gegen Gefährdung der Gesetzestreue sind Exekutive und Judikative da.

SilverBullet hat geschrieben:Übernimmt man hier nicht die Deutungs-/Festlegungshoheit, dann wird diese Lücke von Leuten gefüllt, die kein Problem mit Nationalgetümmel haben?
Das ist die globalisierte Welt und seit jeher normal in Weltstädten. - Man kann andere nicht für die eigene Farblosigkeit reglementieren.

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piscator
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Re: Im Spannungsfeld zwischen Säkularismus und Scharia

Beitragvon piscator » Mo 11. Jun 2018, 11:07

closs hat geschrieben:
piscator hat geschrieben: Warum nimmt man nicht eine ganz normale Frau, die Moslem ist und kein Kopftuch trägt?
Beides kommt vor - in Talkshows sitzen oft verwestlichte Moslems, die nichtsdestoweniger um Verständnis für ihre Kultur werben.
Was heisst in diesem Zusammenhang "verwestlicht"? Ist der Westen aus deiner Sicht so schlecht? Und was soll der Islam mit "ihrer" Kultur zu tun haben?
Haben Katholiken eine eigene Kultur, oder evangelische? Das wäre mir neu. Warum sollen dann deutsche Moslems eine eigene Kultur haben? Menschen, die hier geboren sind, sollten eigentlich dem deutschen Kulturkreis angehören, egal welche Religion sie ausüben.

Ach übrigens, heute kam ein bebilderter Bericht in unserer Tageszeitung über dem Ramadan, da sah man viele Frauen, alle ohne Kopftuch. Es geht also doch.
Als Gott mich schuf wollte er angeben!

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Re: Im Spannungsfeld zwischen Säkularismus und Scharia

Beitragvon Munro » Mo 11. Jun 2018, 13:24

SamuelB hat geschrieben:
Munro hat geschrieben:Gibt es denn ein "christliches Kopftuch"?
Ich meine: Nein.

Wie meinst du das?
Die Frau in diesem Video trägt bspw. eins:
https://www.youtube.com/watch?v=SrjQAGGG2BY&t=819s


Ich habe mal eine Weile reingeschaut und keine Frau mit Kopftuch gesehen.

Btw: Natürlich können christliche Frauen auch mal ein Kopftuch tragen.
Das tut sie dann sicher aber nicht deshalb, um damit aller Welt zu demonstrieren, dass sie Christinnen sind.
The Munros are the mountains in Scotland over 3000 feet high.

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Re: Im Spannungsfeld zwischen Säkularismus und Scharia

Beitragvon Travis » Mo 11. Jun 2018, 13:26

Munro hat geschrieben:Das tut sie dann sicher aber nicht deshalb, um damit aller Welt zu demonstrieren, dass sie Christinnen sind.
Es gibt unter den konservativen Ortsgemeinden mancher Denominationen Gelegenheiten, in denen Frauen dazu angehalten werden den Kopf zu bedecken. Außerhalb des Gottesdienstes wird dies aber selbst dort nicht erwartet.
Ps 86,15 "Du aber, Herr, bist ein barmherziger und gnädiger Gott, langsam zum Zorn und groß an Gnade und Wahrheit."
Hiob 19,25 "Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben."

SamuelB
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Re: Im Spannungsfeld zwischen Säkularismus und Scharia

Beitragvon SamuelB » Mo 11. Jun 2018, 16:48

Munro hat geschrieben:Btw: Natürlich können christliche Frauen auch mal ein Kopftuch tragen.
Das tut sie dann sicher aber nicht deshalb, um damit aller Welt zu demonstrieren, dass sie Christinnen sind.

Sondern? ^^ :wave:
Ich mache derzeit eine Pause.

Im Notfall --> urakaabarameel@gmx.de Und wehe, es ist nicht wichtig!

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Beitragvon closs » Mo 11. Jun 2018, 17:26

piscator hat geschrieben:? Ist der Westen aus deiner Sicht so schlecht?
Zivilisatorisch halte ich den Westen für AAA - geistig-kulturell für C.

piscator hat geschrieben:Haben Katholiken eine eigene Kultur, oder evangelische?
Schon - und diese Kultur ist der jüdischen und moslemischen näher als der säkular-deutschen.

piscator hat geschrieben: Menschen, die hier geboren sind, sollten eigentlich dem deutschen Kulturkreis angehören, egal welche Religion sie ausüben.
Was IST deutsche Kultur, wenn man starke regionale Kulturträger (Plattdeutsche oder Oberbayrische, etc.) damit nicht meint?


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