Ziele der Scharia: Wohin führt der „Weg zur Wassertränke“?

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Halman
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Ziele der Scharia: Wohin führt der „Weg zur Wassertränke“?

Beitragvon Halman » So 20. Mai 2018, 18:36

:wave: lieber User-Gemeinde,

Dieser Titel mag etwas verwundern. Damit spiele ich auf die wörtliche Bedeutung des arabischen Begriffes شريعة (Schariʿa) an (s. Sure 45:18).
Der Begründer des Islam, Mohammed, orientierte sich nach meinem bescheidenen Wissen in den ersten 12 - 13 Jahren (der mekkanischen Phase) u.a. stark am Judentum. Meines Wissens war die jüdische תּוֹרָה (Torá), die ‚Weisung‘, das Vorbild für die isalmische Scharia -
Im Islam meint der Begriff die Gesamtheit der Normen und des Rechts, welches aus dem Quran und der Sunná abgeleitet wird, denen der Gläubige wie einem Pfad zur Wasserquelle in der Wüste folgen muss.

Die Ausrottung des jüdischen Stammes der Banu Quraiza in Medina leitete den bis heute bestehenden Bruch mit den Juden ein und die "Wassertränke" wies nun nicht mehr nach Jerusalem, sondern auf Mekka. Die anfängliche Toleranz der mekkanischen Phase wurde in den medinensischen Phasen der letzten Dekade von Mohammed Wirken negiert.

Aber wie steht es mit den Reformversuchen im Islam? Können sie die anfängliche Toleranz wiederbeleben? Dazu verweise ich auf die Gedanken von Barino Barsoum.


Im Wesentlichen gründen alle heutigen Reformversuche auf einer Idee der islamischen Rechtsthe-orie, die im 11. Jhd von al-Ġazālī formuliert und im 14 Jhd. von al-Schatibi erkenntnistheoretisch fundiert wurde. Im 19. und 20. Jhd. wurde diese rechtstheoretische Idee von dem Ägypter Mo-hammed ʿAbduh wieder aufgegriffen und alle namhaften sunnitischen Reformer unserer Zeit se-hen sich in dieser Denktradition. Es geht um die sogenannten „übergeordneten Ziele der Scharia“, den „Maqased Al sharia“. Kurz und knapp geht es um folgende Idee: Islamische Rechtsurteile und Normen, also Aussagen darüber, ob etwas erlaubt oder verboten ist, werden aus sogenannten Rechtsquellen herausgelöst. Die klassischen kanonischen Rechtsquellen sind erstens der Koran, zweitens die Sunna (also Berichte über den Propheten Mohammed), drittens der Gelehrtenkonsens und viertens der Analogieschluss.

Mehr im verlinkten Video.
Tja, ein Proton müsste man sein: Dann würde man die Quantenphysik verstehen, wäre immer positiv drauf und hätte eine nahezu unendliche Lebenszeit:-) - Silvia Arroyo Camejo

Novas
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Re: Ziele der Scharia: Wohin führt der „Weg zur Wassertränke“?

Beitragvon Novas » So 20. Mai 2018, 18:59

Halman hat geschrieben:Aber wie steht es mit den Reformversuchen im Islam? Können sie die anfängliche Toleranz wiederbeleben?

Die Toleranz muss nicht wiederbelebt werden, weil sie von vielen gläubigen Muslimen gelebt wird, ein fundamentaler Bestandteil ihrer Religion, Denktradition und Lebenspraxis ist. Jemand wie Seyyed Hossein Nasr - ein traditioneller Muslim - würde niemals zum Fanatiker werden, weil er in der (sehr reichen) intellektuellen Tradition des Islam verankert ist, die soetwas kategorisch ausschließt. Wenn man eine Religion wiederbeleben möchte, so nicht in dem man blind irgendetwas reformiert, sondern in dem man diese aus dem Geist ihrer Großen Tradition neu interpretiert und diese weiter denkt. Das gilt auch für das Christentum. Seyyed sagte es sehr gut in seinem Vortrag: „There is nothing more timely than the timeless“ (nichts ist zeitgemäßer als das Zeitlose) bei Religion geht es um zeitlose und ewige spirituelle Wahrheit und nicht darum „modern“ zu sein.




Ziele der Scharia: Wohin führt der „Weg zur Wassertränke“?


Der Islam möchte selbstverständlich ein Weg zu Gott sein, zur göttlichen Quelle, sodass die Seele ihren spirituellen Durst stillen kann und der Mensch seine kosmische Bestimmung erfüllt. In Sure 13:28 heißt es:

Die aber glauben und deren Herzen im Gedenken Gottes Ruhe finden – ja, finden nicht die Herzen im Gedenken Gottes Ruhe?


Rein sprachlich kommt „Islam“ von „Salam“ (Frieden) es geht also darum „Frieden zu finden durch die Hingabe an Gott“. Diesen Frieden erlangt der Mensch, wenn er den geraden Weg (sirata´l-mustaqim) geht und auf ihm bleibt. Interessant finde ich übrigens folgende Synchronizität.

Der gerade Weg war eine politische Zeitung aus München in der Weimarer Republik, die eindringlich vor Adolf Hitler und dem Nationalsozialismus warnte.

Der gerade Weg

Bild
Der gerade Weg (Ausgabe vom 24. April 1932)

Katholische Christen können sich damit rühmen, dass das eine katholische Zeitung war und sie damals einen wachen und kritischen Geist bewahrt haben. Schon am 14. Februar 1932 warnte die Zeitung vor der „geistigen Pest des Nationalsozialismus“, der „Massenmord und Blut“ bedeute. Nach Hitlers Machtergreifung am 30. Januar 1933 wurde Fritz Gerlich, der Herausgeber und Chefredakteur der Zeitung, am 9. März 1933 verhaftet, seine Zeitung vier Tage später verboten und er am 30. Juni 1934 im KZ Dachau im Zusammenhang mit dem angeblichen Röhmputsch ermordet. Möge Allah seiner Seele gnädig sein und ihm den Eintritt in das Paradies gewähren inshaAllah, so Gott will.

Warum ich das sage? Wahre Christen gehen den geraden Weg, selbst wenn sie damit ihr Leben riskieren. Das haben sie mit wahren Muslimen gemeinsam. Der gerade Weg ist der Weg der Mitte. Jeden Tag bitten Muslime Allah mehrmals in ihren Gebeten, sie auf den geraden Weg zu führen. Dies ist nämlich ein fester Bestandteil der Sure Al Fatiha, die dabei wiederholt wird.

Führe uns den geraden Weg, den Weg derer, denen Du Gnade erwiesen hast, nicht (den Weg) derer, die (Deinen) Zorn erregt haben, und nicht (den Weg) der Irregehenden. [1:6-7]


Bild
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