Bonhoeffer: Von der Dummheit

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Rembremerding
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Bonhoeffer: Von der Dummheit

Beitrag von Rembremerding » Mo 30. Dez 2019, 17:25

Zum Jahresende:
„Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse läßt sich protestieren, es läßt sich bloßstellen, es läßt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurückläßt. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch durch Gewalt läßt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch – und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseitegeschoben werden.

Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden; ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht. Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen. Niemals werden wir mehr versuchen, den Dummen durch Gründe zu überzeugen; es ist sinnlos und gefährlich. Um zu wissen, wie wir der Dummheit beikommen können, müssen wir ihr Wesen zu verstehen suchen.

Soviel ist sicher, daß sie nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt ist. Es gibt intellektuell außerordentlich bewegliche Menschen, die dumm sind, und intellektuell sehr Schwerfällige, die alles andere als dumm sind. Diese Entdeckung machen wir zu unserer Überraschung anläßlich bestimmter Situationen. Dabei gewinnt man weniger den Eindruck, daß die Dummheit ein angeborener Defekt ist, als daß unter bestimmten Umständen die Menschen dumm gemacht werden, bzw. sich dumm machen lassen.

Wir beobachten weiterhin, daß abgeschlossen und einsam lebende Menschen diesen Defekt seltener zeigen als zur Gesellung neigende oder verurteilte Menschen und Menschengruppen. So scheint die Dummheit vielleicht weniger ein psychologisches als ein soziologisches Problem zu sein. Sie ist eine besondere Form der Einwirkung geschichtlicher Umstände auf den Menschen, eine psychologische Begleiterscheinung bestimmter äußerer Verhältnisse.

Bei genauerem Zusehen zeigt sich, daß jede starke äußere Machtentfaltung, sei sie politischer oder religiöser Art, einen großen Teil der Menschen mit Dummheit schlägt. Ja, es hat den Anschein, als sei das geradezu ein soziologisch-psychologisches Gesetz. Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen. Der Vorgang ist dabei nicht der, daß bestimmte – also etwa intellektuelle – Anlagen des Menschen plötzlich verkümmern oder ausfallen, sondern daß unter dem überwältigenden Eindruck der Machtentfaltung dem Menschen seine innere Selbständigkeit geraubt wird und daß dieser nun – mehr oder weniger unbewußt – darauf verzichtet, zu den sich ergebenden Lebenslagen ein eigenes Verhalten zu finden.

Daß der Dumme oft bockig ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß er nicht selbständig ist. Man spürt es geradezu im Gespräch mit ihm, daß man es gar nicht mit ihm selbst, mit ihm persönlich, sondern mit über ihn mächtig gewordenen Schlagworten, Parolen etc. zu tun hat. Er ist in einem Banne, er ist verblendet, er ist in seinem eigenen Wesen mißbraucht, mißhandelt. So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen.

Hier liegt die Gefahr eines diabolischen Mißbrauchs. Dadurch werden Menschen für immer zugrunde gerichtet werden können. Aber es ist gerade hier auch ganz deutlich, daß nicht ein Akt der Belehrung, sondern allein ein Akt der Befreiung die Dummheit überwinden könnte. Dabei wird man sich damit abfinden müssen, daß eine echte innere Befreiung in den allermeisten Fällen erst möglich wird, nachdem die äußere Befreiung vorangegangen ist; bis dahin werden wir auf alle Versuche, den Dummen zu überzeugen, verzichten müssen.

In dieser Sachlage wird es übrigens auch begründet sein, daß wir uns unter solchen Umständen vergeblich darum bemühen, zu wissen, was »das Volk« eigentlich denkt, und warum diese Frage für den verantwortlich Denkenden und Handelnden zugleich so überflüssig ist – immer nur unter den gegebenen Umständen. [Das Wort der Bibel, daß die Furcht Gottes der Anfang der Weisheit sei (Psalm 111, 10), sagt, daß die innere Befreiung des Menschen zum verantwortlichen Leben vor Gott die einzige wirkliche Überwindung der Dummheit ist.]

Übrigens haben diese Gedanken über die Dummheit doch dies Tröstliche für sich, daß sie ganz und gar nicht zulassen, die Mehrzahl der Menschen unter allen Umständen für dumm zu halten. Es wird wirklich darauf ankommen, ob Machthaber sich mehr von der Dummheit oder von der inneren Selbständigkeit und Klugheit der Menschen versprechen.“
– Quelle: Dietrich Bonhoeffer. Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hrsg. von E. Bethge. TB Siebenstern. Gütersloh 1985. S. 14 f.

Und merke: Die Dummen sind immer die Anderen und die Machthaber jene, welche man die Macht für sich entreißen will, um über die Dummen (also die Anderen) herrschen zu können.
Von Bonhoeffer konnte ich schon viel lernen, nicht nur etwas über meine Dummheit.

Servus :wave:

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Re: Bonhoeffer: Von der Dummheit

Beitrag von Travis » Mo 30. Dez 2019, 17:27

Rembremerding hat geschrieben:
Mo 30. Dez 2019, 17:25
Von Bonhoeffer konnte ich schon viel lernen, nicht nur etwas über meine Dummheit.
Sein Buch "Gemeinsames Leben" hat mich sehr beeindruckt. Ich habe dieses Buch bereits mehrmals verschenkt.

Was das Zitat angeht, so ist es in jedem Fall sehr bedenkenswert. Dummheit wird oft gesellschaftlich gefördert und die Erfahrung des Autors in Bezug auf Gespräche, kann ich nachvollziehen.

Vielleicht neigen EInzelgänger tatsächlich nicht so oft zur Dummheit, dafür gibt es dort andere Fallstricke, die nicht ungefährlicher sind.
aus 1Kor 4,13 "πάντων περίψημα"
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Re: Bonhoeffer: Von der Dummheit

Beitrag von Rembremerding » Mo 30. Dez 2019, 17:46

Travis hat geschrieben:
Mo 30. Dez 2019, 17:27
Vielleicht neigen EInzelgänger tatsächlich nicht so oft zur Dummheit, dafür gibt es dort andere Fallstricke, die nicht ungefährlicher sind.
Im geistigen Bereich auf alle Fälle. Gerade Christsein ist Gemeinschaft und Beziehung - zum Herrn und seiner Gemeinde.

Spice
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Re: Bonhoeffer: Von der Dummheit

Beitrag von Spice » Di 31. Dez 2019, 10:50

Rembremerding hat geschrieben:
Mo 30. Dez 2019, 17:25
Zum Jahresende:
Endlich mal etwas Gehaltvolles!
„Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit.
Weil die Dummheit zur Lauheit, zur Bequemlichkeit, zur geistigen Trägheit gehört.
Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch – und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseitegeschoben werden.
Das erlebt man immer wieder. Gerade auch in christlichen Kreisen. Auch hier im Forum.
Da geht es nicht darum, die Wahrheit zu erkennen, zu der uns Jesus aufruft, sondern man schiebt alles beiseite, was nicht dem Gewohnten entspricht.
Besonders deutlich wird es hier an der Reinkarnationsfrage. Wann wird hier jemand zu mir sagen: Ja, Du hast recht, und sich nun intensiver damit auseinandersetzen?
Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden; ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht.
Auch das, können wir hier und überall immer wieder erleben. Man ist eben in christlichen Kreisen zufrieden, weil man meint nur glauben, aber nicht die Wahrheit erkennen und sich durch die Erkenntnis der Wahrheit verändern zu müssen.
So bleibt der Glaube unfruchtbar, weil es gar kein wirklicher - d.h. wirksamer - Glaube ist, sondern nur eine oberflächliches, buchstabengetreues Für-wahr-halten.
Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen. Niemals werden wir mehr versuchen, den Dummen durch Gründe zu überzeugen; es ist sinnlos und gefährlich. Um zu wissen, wie wir der Dummheit beikommen können, müssen wir ihr Wesen zu verstehen suchen.
Im Grunde genommen, kann der so träge nur durch einschneidende persönliche Erlebnisse erschüttert werden, die seine bisherigen Überzeugungen in Frage stellen. Nur ist da auch die Gefahr gegeben, dass man den Glauben an Gott ganz hinschmeißt.
Soviel ist sicher, daß sie nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt ist. Es gibt intellektuell außerordentlich bewegliche Menschen, die dumm sind, und intellektuell sehr Schwerfällige, die alles andere als dumm sind. Diese Entdeckung machen wir zu unserer Überraschung anläßlich bestimmter Situationen. Dabei gewinnt man weniger den Eindruck, daß die Dummheit ein angeborener Defekt ist, als daß unter bestimmten Umständen die Menschen dumm gemacht werden, bzw. sich dumm machen lassen.
Wir sind alle von Kindheit an durch unser Umfeld manipuliert, sind also nur "Masse" und wir lieben es manipuliert zu werden, da wir uns eins mit der Masse fühlen wollen. So legen wir wenig wert darauf, uns etwas selbst zu erarbeiten. Höchstens im säkularen Bereich, weil wir da Anerkennung durch andere Menschen erlangen könnten.
Deshalb gibt es auch kaum jemand, der Gott wirklich gehorsam ist. Denn das ist ein Weg in die Einsamkeit.

Wir beobachten weiterhin, daß abgeschlossen und einsam lebende Menschen diesen Defekt seltener zeigen als zur Gesellung neigende oder verurteilte Menschen und Menschengruppen.
Aus dem Grund, den ich genannt habe. Ein einsamer Mensch muss für sich selbst sorgen. Er kann sich nicht auf andere verlassen.
So scheint die Dummheit vielleicht weniger ein psychologisches als ein soziologisches Problem zu sein.
Auch Soziologie ist Psychologie.
Sie ist eine besondere Form der Einwirkung geschichtlicher Umstände auf den Menschen, eine psychologische Begleiterscheinung bestimmter äußerer Verhältnisse.
Was ich Manipulation nannte.
Bei genauerem Zusehen zeigt sich, daß jede starke äußere Machtentfaltung, sei sie politischer oder religiöser Art, einen großen Teil der Menschen mit Dummheit schlägt.
Ja, so leben Christen - entgegen den Lehren Jesu und der Apostel - im Wahn an ein besseres Jenseits. Werden durch den Unverstand der Bibel "Teufel" und "Dämonen" in Zeiten transportiert, wo viel tieferes Wissen gegeben ist, als dass man noch etwas auf angeblich existierende außermenschlich böse Kräfte schieben muss.
Ja, es hat den Anschein, als sei das geradezu ein soziologisch-psychologisches Gesetz. Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen.
Weil dann eben auch damit noch Geld verdient wird, in dem man der Masse das sagt, was sie hören will und gibt, was sie haben will.
Der Vorgang ist dabei nicht der, daß bestimmte – also etwa intellektuelle – Anlagen des Menschen plötzlich verkümmern oder ausfallen, sondern daß unter dem überwältigenden Eindruck der Machtentfaltung dem Menschen seine innere Selbständigkeit geraubt wird und daß dieser nun – mehr oder weniger unbewußt – darauf verzichtet, zu den sich ergebenden Lebenslagen ein eigenes Verhalten zu finden.
Man ist zu bequem. Ohne innere Not, lässt man sich lieber bedienen, hat man eine Konsumhaltung.
Daß der Dumme oft bockig ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß er nicht selbständig ist.
Eben. Man regt sich nur über das auf, was nicht in den eignen Kram passt. Reflektiert aber überhaupt nicht, weshalb man überhaupt solche Erwartungen an anderer hat. Man fragt nicht, woher alle persönlichen Einstellungen, Vorlieben und Abneigungen kommen.
Aber erst, wer danach fragt, kann zu einer selbstständigen Person werden, die fähig ist Gottes Willen zu tun.
Man spürt es geradezu im Gespräch mit ihm, daß man es gar nicht mit ihm selbst, mit ihm persönlich, sondern mit über ihn mächtig gewordenen Schlagworten, Parolen etc. zu tun hat.
Besonders in christlichen Kreisen auffällig, wo immer nur die Bibel als Schlagwortgeber gebraucht wird.
Er ist in einem Banne, er ist verblendet, er ist in seinem eigenen Wesen mißbraucht, mißhandelt.
So ist es. Solche "Christen" sind nicht erlöste Menschen, wie sie behaupten, sondern unfreie unter einem christlichen Deckmantel.
So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen.
– Quelle: Dietrich Bonhoeffer. Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hrsg. von E. Bethge. TB Siebenstern. Gütersloh 1985. S. 14 f.

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Re: Bonhoeffer: Von der Dummheit

Beitrag von Magdalena61 » Di 31. Dez 2019, 16:50

Ich finde es dumm, ständig an anderen herumzumeckern, wenn man doch gar nicht selbst betroffen ist von deren Glauben oder Handeln und sich gleichzeitig ausgiebigst auf die eigene Schulter zu klopfen und die eigene Erkenntnis zu beweihräuchern.

Ganz spontan.

Wenn jemand wirklich DUMM ist, dann reichen seine intellektuellen Fähigkeiten nicht aus, um "schlauer" zu denken. Somit kann man ihm seine Dummheit nicht als schuldhaft vorwerfen.

Dumm ist allerdings, wenn man sich vor den Karren zweifelhafter bis undurchsichtiger Interessen spannen lässt und zu bequem ist, nach allen Seiten hin zu recherchieren, sondern Meinungen ungeprüft übernimmt, weitergibt, und sich damit zu einem Leben in Halbwahrheiten und vielleicht sogar in Ungerechtigkeit verführen lässt.

Leider muß man Bonhoeffer Recht geben. Er, ein entschiedener Regimekritiker, bezahlte für sein Engagement mit dem Leben. Flossenbürg dient heute als Ausflugsort für Schulklassen.
LG
God bless you all for what you all have done for me.

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