Rudolf Steiner: Die Biografie / von Helmut ZanderDie Dramaturgie eines großen Auftritts erinnert in einer dichten Beschreibung Paul Fechter, ein Journalist der liberalen Berliner Vossischen Zeitung, der nach dem Zweiten Weltkrieg die Neuen Deutschen Hefte, eine der bedeutenden Literaturzeitschriften im Nachkriegsdeutschland, redigierte
»Ich hatte Rudolf Steiner etwa seit 1907 immer wieder in seinen Versammlungen erlebt, zuerst in Dresden, an Abenden, bei denen er schmal, dunkel, fast unauffällig in irgendeinem halb dunklen und halb leeren Saal vor ein paar Dutzend älterer Damen sprach, dann den raschen Aufstieg in Berlin, wo er schon 1912 im überfüllten Festsaal des Architektenhauses in der Wilhelmstraße Tausende von Zuhörern mit seinen Vorträgen anlockte. Ich sehe noch das Bild eines Abends: den strahlend hell erleuchteten, riesigen Raum, die wogenden Menschenmassen vor dem großen Podium mit dem noch leeren Rednerpult, im Hintergrund ein vom Boden bis zur Decke reichender, auf der Hälfte geteilter Vorhang – und unter diesem Vorhang, gerade in seiner Mitte, reglos, wartend, zwei auf das leere Podium vorragende Füße in schwarzen Halbschuhen, die da unbeweglich standen und des Augenblicks harrten, in dem sie sich in Bewegung setzen konnten. Sie mußten eine ganze Weile warten, bis auf einmal der Vorhang, der bisher vor dem Manne, dem diese Füße gehörten, zusammengegangen war, hinter der schmalen, schlanken, schwarzen Gestalt im langen Gehrock zusammenschlug, so daß Rudolf Steiner plötzlich wie aus der Erde aufgetaucht am Rande des Saales stand, reglos mit hängenden Armen und langem, schmalem, leicht abwärts geneigtem Gesicht unter dem dichten schwarzen Haar. Er stand und wartete, bis das Sprechen und Lachen im Saal ganz von selbst immer mehr abgeebbt und verstummt war. Dann erst schritt er langsam zu dem Rednerpult und begann, die Augen unter den dunklen Brauen immer noch gesenkt, halblaut und langsam zu sprechen, bis er auf einmal ein paar Worte, einen Satz fast hastig, überraschend hervorstieß und dabei zum erstenmal die schweren Augenlider hob und nun den Blick brennend und bannend auf die faszinierten, atemlosen Zuhörer richtete. An jenem Abend lautete dieser Satz der Suggestion, knapp und kurz, klanglos, beinahe auch atemlos über die Hörermassen hingeworfen: ›Das ist der Tod!‹ – Durch den Saal glitt ein zitterndes Atmen: der große Rattenfänger hatte die Schar der Kinder nun fest in der Hand.«
Fechter hat hier poetisch verschärft, aber die fast hypnotische Wirkung eingefangen. Ganz ähnlich abgestoßen fühlte sich Kurt Tucholsky, der 1924 in einem Vortrag Steiners an eine Operette denken musste:
»Der Redner eilte zum Schluss und schwoll mächtig an. … Das Finale naht … mit einem gar mächtigen Getön und einer falsch psalmodierenden Predigerstimme, die keinen Komödianten lehren konnte. Man war versucht, zu rufen: Danke – ich kaufe nichts.«
Steiners Aura wirkte ambivalent: Die einen empfanden sie als tiefe Berührung und kamen nicht mehr los, die anderen als Verletzung ihrer Freiheit und wollten weg. Steiner konnte Menschen in seinen Bann schlagen oder sie abstoßen. Für diejenigen, die mehr wissen wollten, gab es nach vielen Vorträgen eine »Fragenbeantwortung«.
Die Fragen wurden nicht mündlich gestellt, sondern waren auf Zetteln niederzuschreiben, die Steiner »wie ein Kartenspieler« in der Hand hielt. Dieses Verfahren kanalisierte sicher die Vielzahl von Fragen, vermied aber auch missliebige Interventionen. Diesem Ritual war mit Bedacht jeder Anklang an eine offene Debatte genommen.
So beschied Steiner bei dem Zyklus zum Matthäus-Evangelium 1910 die Anfrage, »ob er eine Diskussion wünsche«, mit einem kategorischen »Nein! Da will jeder nur sich selber hören! Diskussion nicht, aber Fragenbeantwortung.« Steiner blieb der eingeweihte Herr des Verfahrens.
Seite 327 - 329
Das mit dem Vermeiden von Diskussionen und der maßgeschneiderten Fragebeantwortung erinnern mich irgendwie an....
