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Petrus - aus aramäischer Sicht

Verfasst: Di 25. Okt 2022, 17:18
von frank
In den aramäischen und altorientalen Kirchen war Petrus nie in Rom, sondern predigte in Babylon, als Aramäer den Aramäern. Hier hat Kephas (Petrus) einen ganz anderes Stellenwert, weil seine Gestalt in der Peschitta ganz anders beschrieben wird:
Viele Texte aus der Bibel sind uns so geläufig und haben das Bild von bestimmten Gestalten dermaßen geprägt, dass es schwerfällt, aus den gängigen Wahrnehmungsgewohnheiten herauszufinden und Neues zu entdecken. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten in einem Text, die zum Umdenken anregen, bedingt durch eine neue Übersetzung. Halten wir es dabei mit Albert Einstein, der einmal gesagt haben soll, Probleme könne man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden seien.

Wird allerdings bei Texten aus der Schrift ein weitgehend unbekannter Urtext herangezogen, erscheint vieles in neuem Licht. Wer sich etwa auf eine Übersetzung aus der aramäischen Peschittä einlässt, von der eine Kopie aus dem 5. Jahrhundert vorliegt, die also schon aus der Zeit davor stammt, kann manche interessante Beobachtung am Detail machen und so zu einem neuen Verständnis finden. Übrigens: Datiert wurde der Zeitpunkt des Kopierens, die Texte selbst sind sicher viel älter

Bei der Gestalt des Petrus (griechisch: der Fels) ist uns gemeinhin so vieles aus den Evangelien und der Apostelgeschichte geläufig, dass sich kaum jemand vorstellen kann, dass sich bei der Skizzierung dieser Gestalt aus den aramäischen Quellen ganz neue Charakeristika seiner Person ergeben können. Ausgehend von dem bekannten Petrusbild aus den griechischen Evangelien soll im Folgenden exemplarisch Licht auf die Gestalt des Petrus - oder besser von: Sem‘ün kipä - aus aramäischer Perspektive geworfen werden. Hier ist allerdings nur eine exemplarische Zugangsweise vorgesehen.

Bekannt sind bisher zumeist folgende markante Darstellungen aus den griechischsprachigen Evangelien, die von Petrus handeln, etwa:

Als Jesus bei einem Sturm den Jüngern im Boot auf dem Wasser erscheint, da ist es Petrus, der aus dem Schiff steigt, um zu Jesus zu gelangen. Doch Petrus versinkt und lässt sich von Jesus retten. (Vgl. Mt 14, 22-33)
Die Stelle scheint geradezu charakteristisch für Petrus zu sein, der zwar affektiv kurz entschlossen Dinge in Angriff nimmt, diese wohl aber nicht im Sinne Jesu bis zu Ende denkt. Oder der Blick fällt auf die Szene, in der Jesus Simon Kephas die Füße waschen will, dieser aber abwehrt, weil er diese symbolische Handlung nicht sofort zu deuten vermag (vgl. Joh 13,6 ff.).

Jesus entfaltet angesichts solcher Verhaltensweisen zwar eine große Geduld und Wärme. Allerdings ist in Mt 16,22 ff. auch davon die Rede, dass er ihn zumindest nach der griechischen Fassung kurzerhand als „Satan“ bezeichnet:
auf den ersten Blick eine schockierende Aussage. Kontext ist die Leidensankündigung Jesu, auf die Petrus reagiert:

22 Er sagte: Das soll Gott verhüten, mein Herr. Das darf mit dir auf keinen Fall geschehen. 23 Jesus aber drehte sich um und sprach zu Petrus: Geh mir aus dem Weg, du Satan.

Die Übersetzung aus dem Aramäischen ist da genauer.
Hier wird Shemun mit etwas größerer Nachsicht und seine Umstände berücksichtigend gesehen. Auch auf das Temperament von Simon wird eingegangen. Dieser identifiziert sich ganz mit Jesus und wünscht sich für ihn Wohlergehen. Das ist ja auf den ersten Blick durchaus empathisch. Dabei gelingt es ihm allerdings nicht, die weitreichenden Folgen seines Fühlens und Handelns zu erkennen.
Genau in dieser wenig stark ausgeprägten gedanklichen Flexibilität scheint sein Problem zu liegen. Dabei wird der Begriff „Satan“, ein Wort, das im Aramäischen viele Schattierungen hat und nicht unbedingt in orientalischer Mentalität so extrem gemeint ist, wie es Menschen aus dem Westen in der Regel verstehen, nun anders gefasst.
Die niederländische Peschittä-Übersetzung von Egbert Nierop und die Afrikaans-Übersetzung verwenden den Begriff „Stolperstein“ bzw. „Hindernis“. Dieser Vorschlag führt hier weiter. Er entspricht auch Rocco A. Errico, der herausstellt, der Begriff „Satan“ sei von der aramäischen Wurzel sata abgeleitet, was u.a. bedeute: in die Irre führen, den Wegweiser verpassen, stolpern, vom Kurs abkommen, behindern (vgl. u.a. auch: Errico/Lamsa, Aramaic Light on the Gospel of Matthew, S. 221)
.So wird Mt 16,21 wie folgt übersetzt:

Von da an begann Jesus, seinen Jüngern zu erklären, er müsse nach Jerusalem gehen und werde von den Ältesten und oberen Priestern und Schriftkundigen vieles erleiden, er werde getötet und am dritten Tag auferweckt werden. 22 Da nahm ihn kipä (Kephas) beiseite und begann, ihm Vorwürfe zu machen. Er sagte: Nichts davon, mein Märä, mein Meister und Herr. Das darf mit dir auf keinen Fall geschehen. 23 Jesus aber drehte sich um und sagte zu kipä (Kephas):
Geh mir aus dem Weg, du behinderst mich. Ich ärgere mich sehr über dich. Denn du denkst nicht daran, was Gott will, sondern was Menschen wollen.


Neben dieser Zurechtweisung ist allerdings ebenfalls zu sehen, wie Simon an anderer Stelle besonders positiv herausgehoben wird. So heißt es in Mt 16,16 beim Bekenntnis zu Jesus als Messias in der Übersetzung aus der Peschittä:

Gesegnet bist du, Simon, du Sohn des Jona. Denn dies wurde dir nicht von Menschen aus Fleisch und Blut geoffenbart, sondern durch Gott, meinen ' Abba, den liebevollen Vater.
Ich sage dir daher: Du bist ein Fels, und auf diesen Felsen werde ich meine Gemeinde von Zeugen bauen, und die Pforten des Scheol werden sie nicht überwältigen.
Ich werde dir das Wesentliche dessen zugänglich machen, was Gott rät: Wofür du die Menschen auf Erden fesselst und verzauberst, dafür soll auch Faszination bei Gott sein. Wofür du die Menschen öffnest und frei machst, dafür soll ihr Leben bei Gott vorbereitet sein.

Sem‘ün kipa/Simon Kephas erscheint hier in vorteilhaftem Licht. Der genannte Hintergrund anderer Erfahrungen mit Simon verblasst dabei aber keinesfalls. Ein Schlüssel zum Verständnis seiner Person dürfte in der Interpretation seines „Beinamens/Spitznamens“ zu finden sein
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Re: Petrus - aus aramäischer Sicht

Verfasst: Di 25. Okt 2022, 17:22
von frank
Der „Beiname/Spitzname“ Kephas (kipä)
Angesichts des bisher Geschilderten verwundert es nicht, dass der bekannte Beiname des Sem'un/Simon auch mit seinem Temperament und seinen persönlichen Dispositionen zu tun hat. Nach der griechischen Fassung des Neuen Testaments gibt Jesus Simon den Beinamen: „Kephas“ (nach der griechischen Fassung), also „Fels“. Dieser ist nach griechischem Verständnis tatsächlich positiv konnotiert. Es sieht entsprechend so aus, als würde er geradezu als Ehrentitel verstanden werden, wenn Simon zusagt wird, Jesus werde auf ihn seine Kirche bauen (vgl. Mt 16,18 ff.).

Der aramäische Hintergrund legt allerdings etwas ganz anderes nahe. Denn der Begriff „kipäa/Fels“ ist vom Aramäischen her nicht unbedingt anerkennend gemeint. Es muss sich bei „kipäa“, „Kephas“, „Fels“ um einen Spitznamen gehandelt haben, der gerne Personen gegeben wurde, die ein wenig „schwer von Begriff‘ waren („gedanklich unflexibel wie ein Fels“). Hätte Jesus dem Simon diesen Namen von sich aus gegeben, wäre dies einer Beleidigung gleichgekommen. Er musste von diesem Beinamen/Spitznamen durch seinen Bruder Andreas schon vorher Kenntnis gehabt haben.

In Joh 1,40 ff. wird in der Peschittä-Übersetzung gesagt:

Andreas, der Bruder des Simon, war einer der beiden, die Johannes angehört hatten und Jesus gefolgt waren. 41 Dieser sah seinen Bruder Simon zuerst und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden. 42 Er brachte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte:
Du bist Simon, der Sohn des Jona. Du hast doch den Spitznamen kipä, das bedeutet: ein Fels, d.h. jemand, der etwas schwerfällig ist und nicht sofort versteht.?


Dass diese Charakterisierung des Simon auch weiter in den Evangelien durchgehalten wird, ist an unterschiedlichen Stellen zu erkennen, auch an Joh 21,15 ff. In dieser Perikope geht es um die „Hirtengewalt“, die kipä/Kephas übertragen wird.

Zeitgeschichtlich wichtig zu wissen: Es war im Orient üblich, zwischen männlichen Lämmern und Böcken, weiblichen Lämmern und Schafen zu unterscheiden. Die Peschittä rekurriert darauf, dass im Heiligen Land die Tiere in drei Herden separat gehalten wurden, vor allem während der Sommermonate. Hintergrund dafür ist wohl die Milchgewinnung, die im Vergleich zur Schafzucht in anderen Ländern überwiegend Zweck der Tierhaltung war.

Lebhafte männliche Tiere hätten zusammen mit weiblichen Tieren diese aus der Ruhe bringen und damit längerfristig das Ziel der Milchproduktion beeinträchtigen Können. Die Aufteilung in verschiedene Herden unterschiedlichen Geschlechts machte also Sinn, hier zwischen männlichen Lämmern, Schafen, weiblichen Lämmern (zukünftigen Milchschafen).
Die drei ungleichen Herden hatten verschiedene Hirten, die von einem Oberhirten beaufsichtigt wurden. — Allegorisch standen diese drei Herden für die Yihüdäye (Juden), die Galiläer und diejenigen, die ursprünglich nicht an den Gott Israels glaubten. — Der griechische Text ermöglicht diese Deutung jedoch nicht, vielmehr werden die Rezipienten dieses Textabschnitts, so „geführt“, dass sie sich mit Simon Petrus, der aufgrund des dreifachen Fragens Jesu traurig wird, als einem Akteur im Ablauf des Erzählten identifizieren und das im Abschnitt Geschilderte aus seiner Perspektive betrachten.
Das wird dadurch erreicht, dass nicht zwischen diesen drei verschiedenen Herden unterschieden wird, sodass auch der Sinn dieses wiederholten Fragens nicht deutlich werden kann. Im griechischen Text geht es einmal um die „Lämmer“, dann um die „Schafe“ und schließlich bei der dritten Anfrage Jesu in Verdoppelung erneut um die „Schafe“. Durch diese Verdoppelung wird tatsächlich bei den Rezipienten einer auf dem griechischen Text basierenden Übersetzung der Eindruck einer nicht tragfähig konstruierten Abfolge suggeriert, welche die Hörenden identifikatorisch auf die Seite Petri zieht.

Beim aramäischen Text ist dies ganz anders: kipä/Kephas durchschaut nach der Version der Peschittä die Struktur der Fragen nicht, die ihm die Leitung dieser „drei Herden“ zuspricht, ist „schwer von Begriff und macht Jesus wegen seines dreifachen Fragens geradezu Vorwürfe, er fragt sich, warum Jesus ihm erneut seine Frage stellt. Hat er seine Antwort etwa nicht richtig verstanden?

Wer die Geschichte in der aramäischen Version hört, steht auf der Seite Jesu und identifiziert sich mit seinem Handeln. Denn das langsame Agieren von kipä/Kephas ist offensichtlich und aus der Vorgeschichte der Evangelientexte bekannt. Der griechische Text mit seiner fehlenden Differenzierung suggeriert berechtigt erscheinende Einwände Simons gegenüber Jesus.

Der aramäische Text bietet jedoch eine plausible Erklärung für das Verhalten Simons aus dem Gesamtzusammenhang: seine Charakterisierung als eines etwas langsam verstehenden Menschen schon von seiner ersten Begegnung mit Jesus an (vgl. Joh 1,42).

Der Wortlaut der nachösterlichen Perikope (Joh 21,15 ff.) in der Übersetzung aus der Peschittä:

15 Als sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Kephas ($em‘ün kipa): Simon, Sohn des Jona, liebst du mich? Sogar mehr als deinen Beruf als Fischer?
Er antwortete ihm:
Ja, mein Märä, mein Herr und Meister. Du weißt, dass ich dich liebe.
Jesus sprach zu ihm:
Weide meine männlichen Lämmer.

16 Zum zweiten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Jona, liebst du mich?
Er antwortete ihm:
Ja, mein Märä, mein Herr und Meister. Du weißt, dass ich dich liebe.
Jesus sprach zu ihm:
Weide meine Schafe.
17 Zum dritten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Jona, liebst du mich? Da wurde Kephas traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal gefragt hatte:
Liebst du mich?
Er gab ihm zur Antwort: Ja, mein Märä, mein Herr und Meister. Du verstehst alles gut.
Du weißt, dass ich dich liebe.
Jesus sprach zu ihm: Weide meine weiblichen Lämmer.
18 Amen. Amen. Ich sage dir:
Als du jünger warst, konntest du dich selbst ankleiden und du konntest hingehen, wohin du wolltest. Wenn du alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken
und ein anderer wird dich anziehen und dich führen, wohin du nicht willst.
19 Das sagte Jesus, um anzudeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen werde. Nach diesen Worten sprach er zu ihm: Folge mir nach.?”

Diese Nachfolgegeschichte macht klar: Auch der gedanklich wenig flexible kipa/Kephas wird eingebunden. Seine Schwäche wird angenommen und er erhält sogar die oberste Vollmacht über alle, die sich Jesus öffnen. Dies entspricht dem biblischen Leitmotiv: Die Niedrigen werden erhöht.
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Re: Petrus - aus aramäischer Sicht

Verfasst: Di 25. Okt 2022, 18:28
von frank
Diese „Niedrigkeit“ des kipa/Kephas wird ja bereits vorher in der Stelle deutlich, Als er Jesus mehrfath verleugnet, bevor der Hahn kräht. In gewisser Weise wird in der Erzählung der Verleugnung Simons, z.B. bei Joh 18,25-27, das auf der Ebene moralisch-emotionaler Intelligenz „gespiegelt“, was auch auf der Ebene kognitiver Intelligenz dargelegt ist: „Simon Kephas aber stand da und wärmte sich. Da sagten sie zu ihm: Bist nicht auch du einer von seinen Jüngern? Er leugnete es und sagte: Ich bin es nicht. Einer von den Dienern des Hohepriesters, ein Verwandter dessen, dem Simon das Ohr abgehauen hatte, sagte daraufhin: Habe ich dich nicht im Garten bei ihm gesehen? Wieder leugnete Simon und zu dieser Stunde krähte der Hahn.“

Simon hat demnach die Lehre Jesu von der Gewaltlosigkeit selbst noch während der Leiden des Messias nicht voll erfasst, er will physisch kämpfen, er schlägt dem Diener des Hohepriesters das Ohr ab. Außerdem streitet er ab, Jesus zu kennen.

Auch in der Apostelgeschichte findet sich dieser beschriebene Grundzug im Wesen von Sem‘ün kıpa/Simon Kephas wieder. Er ist es nicht, der zum Apostel der Völker wird. Vielmehr ist seine Haltung zunächst eher von Ambivalenz gegenüber denen getragen, deren Herkunft nicht im Judentum liegt, bevor er seine Sicherheit gewinnt. Eine Vision ist erforderlich, um den zögerlichen Sem’un/Simon dazu zu bringen, die Völker (von ihrer Herkunft her Nicht-Yihüdäye) zur jungen Gemeinde zuzulassen. Apg 10,9 ff.:

9 Am nächsten Tag, als sie unterwegs waren und sich der Stadt näherten, stieg Simon um die sechste Stunde auf das Dach, um zu beten. 10 Da wurde er hungrig und wünschte zu essen. Während man etwas zubereiteten ließ, kam es, dass er vor Schreck erstarrte. 11 Er sah die Himmel offen und etwas herabkommen, das aussah wie ein großes Leinentuch, das, an den vier Ecken gehalten, vom Himmel auf die Erde heruntergelassen wurde. 12 Darin waren alle möglichen Vierfüßler, Kriechtiere der Erde und Vögel der Himmel. 13 Und eine Stimme rief ihm zu:
Steh auf, Simon, schlachte und iss.
14 Simon aber antwortete:
Das sei mir ferne, mein Märä, mein Herr und Meister. Noch nie habe ich etwas gegessen, das so untauglich zum Verzehr und widerwärtig war.
15 Da ging die Stimme ein zweites Mal an ihn:
Was Gott gereinigt hat, das nenne du nicht untauglich!

.....
34 Da begann Simon zu reden und sprach:
Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht. 35 In jedem Volk nimmt er den an, der ihn fürchtet und tut, was recht ist. 36 Denn Gott hat das Wort den Israeliten gesandt und den Frieden durch den Messias Jesus verkündigt:
Dieser ist Märä, der Herr und Meister, aller.
37 Ihr wisst auch, was in ganz Judäa geschehen ist, angefangen in Galiläa, nach der Taufe, die Johannes gepredigt hat: 38 wie Gott Jesus von Nazaret gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und mit Kraft, wie dieser umherzog, Gutes tat und alle heilte, die vom Bösen bedrängt waren. Denn Gott war mit ihm.
39 Und wir bezeugen alles, was er im Land Judäa und in Jerusalem getan hat. Genau ihn haben die Yihüdäye ans Holz gehängt und getötet. 40 Gott hat ihn am dritten Tag auferstehen lassen und er ermöglichte es ihm, dass er öffentlich gesehen werden konnte.
41 Das widerfuhr zwar nicht dem ganzen Volk, wohl aber uns, die wir von Gott zu Zeugen erwählt wurden. Denn wir haben mit ihm nach seiner Auferstehung von den Toten gegessen und getrunken.
42 Und er hat uns geboten, allen Völkern zu verkünden und zu bezeugen: Dieser ist von Gott ausersehen zu richten über die Lebenden und die Toten.
43 Von ihm bezeugen alle Propheten, dass jeder, der auf seinen Namen vertraut und an ihn glaubt, Vergebung der Sünden empfängt.
44 Noch während Simon dies sagte, kam der Heilige Geist auf alle herab, die das Wort hörten. 45 Die gläubig gewordenen Yihüdäye, die mit ihm gekommen waren, konnten es nicht fassen, dass auch auf die Völker die Gabe des Heiligen Geistes ausgegossen wurde. 46 Denn sie hörten sie in verschiedenen Dialekten und Sprachen reden und Gott preisen. Simon aber sprach zu ihnen:
47 Darf jemand denen das Wasser verweigern, die ebenso wie wir den Heiligen Geist empfangen haben? Darf jemand sie nicht zur Taufe zulassen?
48 Und er ordnete an, sie im Namen unseres Märä, des Herrn und Meisters, des Messias Jesus, zu taufen. Danach baten sie ihn, einige Tage zu bleiben.
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Re: Petrus - aus aramäischer Sicht

Verfasst: Di 25. Okt 2022, 18:28
von frank
Selbst im Traum noch weist Sem'un/Simon den Auftrag Gottes erst einmal voreilig zurück, reagiert mit Widerstand, wird ein zweites Mal angesprochen, später wird ihm die ganze Reichweite des Geschehens erst bewusst.
Bei der Festnahme Simons, von der in Apg 12 erzählt wird, wiederholt sich strukturell die langsame Auffassungsgabe von kipä. Zunächst begreift er seine Befreiung noch gar nicht. Erst als er sich außerhalb des Kerkers befindet, wird ihm das Erlebte klar. Langsam kann er das Geschehen einordnen.

In Apg 12,6 ff. heißt es:
In der besagten Nacht vor dem Morgen, an dem Herodes ihn ausliefern lassen wollte, schlief Simon, von zwei Ketten gefesselt, zwischen zwei Soldaten. Weitere Wachen waren vor der Tür des Kerkers postiert. 7 Da stand ein Bote von Märä, dem Herrn und Meister, über ihm und ein Licht überstrahlte den gesamten Raum. Er stieß ihn in die Seite, weckte ihn und sprach:
Steh schnell auf!
Da fielen die Ketten von seinen Händen. 8 Der Bote aber sagte zu ihm: Gürte dich und zieh deine Sandalen an. Und er tat es. Und der Bote sagte zu ihm: Wirf deinen Mantel um und folge mir.
9 Und er ging hinaus und folgte ihm, ohne zu wissen, ob es Wirklichkeit war, was durch den Boten geschah, oder ob es sich um eine Vision handelte. 10 Nachdem sie die erste und zweite Wache passiert hatten, kamen sie an das eiserne Tor, das in die Stadt führt. Es öffnete sich ihnen von selbst. Als sie hinausgetreten waren und eine Straße weiter hinter sich gelassen hatten, verließ ihn der Engel. 11 Da erst begriff Simon, wo er war, und sprach:
Nun weiß ich erst mit Sicherheit, dass Mara, der Herr und Meister, seinen Engel gesandt hat und mich aus der Hand von König Herodes entkommen ließ und mich vor allem gerettet hat, was die Yihüdäye konspirativ gegen mich geplant hatten.

Abschließender Gedanke

Literarisch stellt das retardierende Moment von Sem'un kıpä, von Simon Kephas, eine wesentliche Bereicherung beim Spannungsaufbau der narrativen Texte der Evangelien und der Apostelgeschichte dar. Ohne die detaillierte Beschreibung dieser Gestalt wäre der Erzählbogen unvollständig, d.h. ohne vertiefende Identifikationsmöglichkeiten für alle diejenigen, die mit der Lehre „vom neuen Weg“ noch nicht sofort und fraglos etwas anfangen können, sich vielleicht sogar wie Sem’un/Simon gedanklich ein wenig schwer damit tun, auch wenn sie gefühlsmäßig angesprochen sind.

Beim Nachdenken über den Glauben gewinnt in der Gestalt des Sem'un kipä das biblische Motiv von der „Erhöhung des Niedrigen“ Konkretion. Gott erscheint demnach als derjenige, der sich den Geringen, Machtlosen und Hungernden zuwendet, um sie aufzurichten, dagegen die Mächtigen, Reichen und Hochmütigen von ihren Thronen stürzt.?

Im 1. Brief an die Korinther (1,26 ff.) schreibt Paulus dazu passend:

26 Betrachtet eure Berufung, meine Geschwister! Unter euch sind nicht viele weise im irdischen Sinn, nicht viele mächtig und auch nicht viele vornehm oder gar adelig. 27 Vielmehr hat Gott die Törichten in der Welt erwählt, um die Weisen zu beschämen, und die Schwachen in der Welt hat Gott erwählt, um die Starken zu beschämen.
28b Er hat sie erwählt, um die zu erniedrigen, die sich selbst für wichtig halten,
29 damit kein Mensch sich rühmen kann vor Gott.
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Re: Petrus - aus aramäischer Sicht

Verfasst: Di 25. Okt 2022, 18:30
von frank
Das war jetzt viel Text - aber es muss auch keiner antworten, oder gleich antworten = manchmal ist es gut, sich etwas erst zu erarbeiten - bevor man dazu Stellung bezieht.

Und manchmal braucht es eben auch einiges an Erläuterung - so wie der Blickwinkel aus einer anderen Kultur