
Töchter und Väter.
Eine schöne Kindheit ist das, wenn der Vater sich auf das kleine Weibchen einlässt, das am Papa übt, wie man einen Mann um den Finger wickelt. Eine glückliche Kindheit.
Ein "richtiger Mann" prägt seine Tochter und lebt ihr vor, was es heißt, ein Mann zu sein. Wenn das Vater- Tochter- Verhältnis gut ist, dann wird sie sich später zu Männern hingezogen fühlen, die dem Vater, den sie liebt und bewundert, ähneln.
Meine Großmutter mütterlicherseits, Jahrgang 1910, war eine solche Tochter. Das einzige Mädchen unter drei oder vier Brüdern, ich weiß gar nicht mehr, wie viele es waren; es war auch mindestens ein Bruder im Krieg gefallen und ein anderer vermißt, meine ich mich zu erinnern.
Der Vater meiner Großmutter war ein respektabler Geschäftsmann und führte ein Ladengeschäft in einer Stadt im damaligen Ostpreußen in der Nähe des heutigen Kaliningrad (Königsberg). Die Tochter war der Augapfel des Vaters, wie sie mir erzählte. Er hatte sich immer ein Mädchen gewünscht gehabt, und sie war, wenn ich mich richtig erinnere, die Jüngste der Geschwister.
Nun verkaufte der Mann in seinem Geschäft auch Puppen. Als diese vom Großhändler eintrafen, war die Tochter sehr begeistert davon und bat innig darum, doch auch eine solche Puppe haben zu dürfen. Aber nein, die Puppen sind für die Kunden... die müssen verkauft werden, man kann Kindern doch nicht jeden Wunsch erfüllen, und man darf Kinder nicht verwöhnen.
-- Zu Weihnachten oder so bekam sie ihre Puppe.

Das erzählte sie mir.
Als die Familie 1945 fliehen musste- meine Großmutter alleine mit vier Kindern und ihrer Haushalthilfe, denn der Großvater war Soldat und im Krieg- verließen auch die alten Eltern ihre Heimat. Zunächst lebten sie in Flüchtlingslagern in Schleswig- Holstein. Dann starb die Mutter und wurde dort oben irgendwo begraben.
Mit Hilfe des DRK fand einige Zeit nach dem Krieg auch der entlassene Soldat seine Familie. Sie hausten in Baracken; das waren Holzhäuser, die so kalt waren, dass im Winter darin das Wasser zu Eis wurde, so sagte meine Oma.
Es waren viele Flüchtlinge in diesem Lager, und es gab in der Umgebung zu wenig Arbeit. Deshalb erhielten Handwerker die Möglichkeit, in den Süden Deutschlands zu wechseln. Dort wurden Handwerker gesucht und die teure Fahrt in den Süden wurde ihnen bezahlt.
So kam meine Familie nach Süddeutschland, und der alte Vater kam wieder mit.
Er- ein richtiger Mann! fleißig, aufrecht, redlich, integer-- zog in ein altes Haus in einem schwäbischen Dorf und arbeitete in seinem erlernten Beruf als Schneider: Auf einer alten Tretnähmaschine, die er irgendwo günstig erworben hatte, nähte er Kleidung für die Landbevölkerung und konnte sich so, bei einer bescheidenen Lebensführung, selbst ernähren.
Seine Haltung habe ich immer bewundert.
Alles hatte er verloren; die Heimat, das eigene Haus, das Geschäft, seine Gärten außerhalb der Stadt, und dann auch noch seine Ehefrau. Als er 1945 alles verlassen musste, muss er schon über 70 gewesen sein. Und dann fängt er noch einmal neu an in einem Bundesland, in dem die Menschen einen Dialekt sprechen, den er nicht versteht, und die sein Hochdeutsch- bzw. den ostpreußischen Slang auch nicht verstehen und ist ein Vorbild und ein Halt für seine Angehörigen.
Seine Tochter und ihre Familie lebten in der nahe gelegenen Stadt und bauten sich wieder eine Existenz als Unternehmer und Geschäftsfrau auf. Der alte Vater und seine Tochter hingen sehr aneinander, bis zu seinem Tod im Jahre 1963.
Ich glaube, ihr Ehemann, mein Großvater, hat es da auch nicht immer leicht gehabt.
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Der Rumkuchen ist aber nichts für kleine Mädchen. Er schmeckt schon stark nach Rum. Herbe.
LG