Tja, so leicht kann man die Weisungen Gottes missverstehen, wenn man nur Verse pflückt.
Was bringt es dem anderen, wenn ich mir das Auge ausreisse? Damit ist keinem geholfen, sondern man bekommt dadurch zwei Sozialfälle. Ist/war Gott in seiner Weisungsgebung etwa geistig umnachtet?
Also hier wird das „Auge um Auge“ das erste Mal erwähnt und es geht aus dem Kontext deutlich hervor, dass es um Schadensersatz handelt.2.Mo 21, 22 Wenn Männer sich zanken und stoßen ein schwangeres Weib, daß eine Fehlgeburt entsteht, aber sonst kein Schade, so muß eine Geldstrafe erlegt werden, wie sie der Ehemann des Weibes festsetzt; und man soll sie auf richterliche Entscheidung hin geben. 23 Wenn aber ein Schaden entsteht, so sollst du ihn ersetzen (eigentlich: geben, und nicht nehmen); Seele um Seele, 24 Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, 25 Brandmal um Brandmal, Wunde um Wunde, Beule um Beule.
Spr 24,29 Sage nicht: Wie er mir getan hat, so will ich ihm tun, will jedem vergelten nach seinem Tun!
Auch hier, es soll bezahlt und ersetzt werden, aber sicher nicht mit einem toten Vieh!!3.Mo 24,18 Wer aber ein Vieh erschlägt, der soll es bezahlen; Seele um Seele!
Also ganz normale Haftpflicht, wie auch bei uns üblich ist/wäre.
Das Gesetz fordert mithin vollen Schadenersatz für das ums Leben gebrachte Tier. Und für diesen Schadenersatz braucht die hebräische Sprache die Redewendung: „Leben um/für Leben“. Daraus aber folgt ohne weiteres, dass auch „Auge um Auge, Zahn um Zahn…“ nicht etwa bedeutet, dass demjenigen, der einen andern um ein Auge gebracht hatte, von Gerichts wegen ein Auge ausgeschlagen usw. werden soll.
Sondern die Redewendung bedeutet:
Der Richter hat nach strenger Gerechtigkeit zu verfahren, er darf weder zu grosse Strenge noch zu grosse Milde walten lassen. Strengste Gerechtigkeit, strengste Unparteilichkeit soll die Richtschnur des jüdischen Richters sein.
„So wie er getan, so soll ihm geschehen“. Muss das nicht wörtlich verstanden werden? In Richter 15,11 steht die gleiche Redewendung. Simsons Schwiegervater nimmt Simson seine Tochter wieder weg und gibt sie einem anderen zur Frau. Aus Wut darüber zerstörte Simson die Getreidefelder der Philister mit den Füchsen und den Fackeln. Und Simson sagte nach der Frage, warum er das getan hatte: „So wie sie mir getan, so habe ich ihnen getan“. So meint der Spruch: „Ich habe sie nach Gebühr bestraft“.
Wenn „Auge um Auge“ wörtlich befolgt würde, so hätte der Geschädigte keinerlei Nutzen und Hilfe. Es wäre ihm schlichtweg durch den Richter kein Recht zugesprochen worden. Weiter begründen die Bestimmungen auf strenge Gerechtigkeit, und nicht auf Grausamkeit (Hände abschlagen usw..). In der Praxis eigentlich undurchführbar. Wenn nur ein Drittel des Augenlichtes verloren ging, wie kann man einem Menschen solchen Schaden genau gleich beifügen?
„Diejenigen, die Unrecht ertragen, aber kein Unrecht zufügen, die ihre Schmähung anhören und sie nicht erwidern, die es auf sich nehmen aus Liebe zu Gott und Schicksalsleiden willig und geduldig ertragen, von ihnen gilt das Wort der Schrift am Ende des Deborahliedes (Ri 5): Seine Freunde sind wie der Aufgang der Sonne in ihrer Pracht.“ (Talmut Joma 23a)
PS: Es waren die Sadduzäer, welche sich an den Buchstaben klammerten, die Pharisäer traten aber der Auffassung der Sadduzäer aufs schärfste entgegen.