Sprach- und ÜS-Schwierigkeiten

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Helmuth
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Re: Sprach- und ÜS-Schwierigkeiten

Beitrag von Helmuth »

Rilke hat geschrieben: Di 10. Mär 2026, 15:05 Also wie kommst du darauf, dass der protomasoretische Text mit den Originalmanuskripten ident ist?
Weil ich die aktribische Arbeitsweise der Kopisten kenne. Das solltest du mal studieren. Klarweise wird auf diese Weise der Text gewissermaßen auch vergötzt, aber der Textbewahrung dient das allemal. In der Hinsicht ist das NT das unzuverlässigste was es gibt, ich meine im Verhälrnis zum AT.

Dass es ein NT gibt, halte ich an sich für ein Wunder, also hat durchaus der Heilige Geist sein Werk getan, aber ziemalich anders, als die Theologie uns das verklickern will. In der Hinsicht sind säkulare Forschung der Wahrheit näher, auch wenn sie nicht glauben, denn Fakt ist Fakt und der wird theologische nicht weggewischt.
Rilke hat geschrieben: Di 10. Mär 2026, 15:05 Außerdem sehe ich den historischen Aspekt: Wenn die Septuaginta für die ersten Christen gut genug war (und das war sie), warum dann nicht für uns?
Erlaube die einfache Gegenfrage: Warum greift man dann heute nicht mehr darauf zurück? Erklärt das nicht alles? Ein Heidenchrist konnte damalsnicht Hebräisch, aber man konnte Koine, daher der Gebrauch der LXX. Nur ist das Koine, dass der Durchschnitt gesprochen hatte keine Sprache, die präzise ist. Attisch war das, aber der Text ist eben Koine.

Das lässt sich vergleichen wie mit MIgrantendeutsch. Du erkennst ihre Schreibweise auf Anhieb. So sehe ich das auch für Koine. Hebräisch hingegen ist eine Jahrhunderte lang gewachsene und weit fortgeschrittene Sprache, die damit auch präziser ist. Wenn du willst, zeigt ich dir anhand eines biblischen Beispiels, wie sehr LXX vom Hebräischen Text abweicht.
So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigartigen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe. - Johannes 3:16
luett-matten
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Re: Sprach- und ÜS-Schwierigkeiten

Beitrag von luett-matten »

Rilke hat geschrieben: Di 10. Mär 2026, 09:30 Die Sprache stammt so wenig vom Affen ab wie der Mensch, hätte ich gesagt. :)
;) :thumbup:

Gottes Segen! :)
lütt-matten
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ProfDrVonUndZu
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Re: Sprach- und ÜS-Schwierigkeiten

Beitrag von ProfDrVonUndZu »

Helmuth hat geschrieben: Di 10. Mär 2026, 08:10 Dann lassen wir es, vielleicht findet sich ein anderer, unser Prof. eventuell?
Ich sehe das ähnlich wie du, bezüglich Jesaja 9,5 und "starker Gott. Aber eigentlich halte ich das gar nicht für wesentlich mit der Grammatik, weil als Name kann das auch ein Hinweis auf Jahwe sein und muss nicht den benamten selber als Gott markieren.
Offenbarung 1,3 Glückselig, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und bewahren, was in ihr geschrieben ist; denn die Zeit ist nahe!
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Rilke
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Re: Sprach- und ÜS-Schwierigkeiten

Beitrag von Rilke »

Helmuth hat geschrieben: Di 10. Mär 2026, 15:35 Weil ich die aktribische Arbeitsweise der Kopisten kenne. Das solltest du mal studieren.
Ich bin mit der Kopierarbeit der Masoreten vertraut. Und ja, das ist durchaus faszinierend und beeindruckend.
Trotzdem können wir nicht behaupten, dass der masoretische Text mit den Originalmanuskripten ident ist, denn wir besitzen die Originale nicht.
Der Grund für meine Zurückhaltung ist, dass wir lange Lücken haben. Die wichtigsten masoretischen Handschriften sind mittelalterlich (etwa 11. Jhd.).

Ich gebe dir ein Beispiel, warum der MT ziemlich sicher nicht vollständig dem Original entsprechen kann.
Der Nun-Vers im Psalm 145 fehlt im MT. Während die Masoreten diesen Vers scheinbar ausließen, geben ihn sowohl die Septuaginta, die syrische Peschitta-Überlieferung als auch die Psalmenrolle 11Q5 in Qumram wieder. Einerseits zeigt das, dass der masoretische und "proto-masoretische" Text nicht vollständig ident sind, und andererseits, dass der MT hier in der Minderheit liegt.
Das ist ein extrem wichtiger Punkt, denn die Qumram Rollen, die Septuaginta, die Peschitta und der MT berufen sich alle auf den Urtext, haben aber unterschiedliche Überlieferungsstränge und sind unabhängig voneinander entstanden.
Hier steht es 3:1 gegen den MT und der Wegfall des Verses im MT ist logisch nachvollziehbar, während die spätere Hinzufügung eines exakten Verses in drei komplett unterschiedlichen Überlieferungen praktisch unmöglich ist.

Übrigens enthält diese Psalmenrolle 11Q5 sieben Psalme, die sich nicht im masoretischen Text befinden. 11Q5 belegt also, dass es in Israel eine anders geordnete und vor allem "erweiterte" Psalmenüberlieferung gab. Das zeigt, dass die Qumram-Rollen nicht auf eine eindeutige proto-masoretische Tradition reduziert werden können.

Helmuth hat geschrieben: Di 10. Mär 2026, 15:35Das lässt sich vergleichen wie mit MIgrantendeutsch. Du erkennst ihre Schreibweise auf Anhieb. So sehe ich das auch für Koine.
Helmuth, du bist mir einer. :lol:
Was immer ein endliches Wesen begreift, ist endlich.
- Hl. Thomas v. Aquin
luett-matten
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Re: Sprach- und ÜS-Schwierigkeiten

Beitrag von luett-matten »

Helmuth hat geschrieben: Di 10. Mär 2026, 10:00 Eine für mich an Dummheit grenzende Frage
Die Frage ist ganz ernst gemeint. Sie ist grundlegend für das ganze Verständnis. Wenn man eine Evolution von Grunzlauten hin zu ersten einfachen Worten und einer Urform von Sprache annimmt, dann hat die Sprache ansich keine weitere Bedeutung, sie ist dann ein schlichtes Produkt des Zufalls, der Evolution.

Gottes Segen! :)
lütt-matten
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