Helmuth hat geschrieben: ↑Mi 3. Jun 2026, 16:14
Stimmst du damit mit mir überein, dass der Text auch Fehler enthält und es daher keine 100% Textsicherheit gibt? Oder meinst du, dass er schon zu 100% stimmt, nur reicht das nicht, weil das Verstehen eine andere Sache ist?
Die Texte, die wir haben, enthalten Fehler oder Schwächen. Die werden aber nur objektiv sichtbar an den jeweiligen Handschriften, noch nicht an Übersetzungen oder aufbereiteten Kopien im Internet. Keiner von uns wird wohl Zugang zu den Handschriften haben, geschweige denn, sie untersuchen zu können. Dafür gibt es Fachliteratur, die ich zum Teil in meiner Sammlung habe.
Ich gehe davon aus, dass die ursprünglichen Texte fehlerlos waren. Das kann man natürlich für gutgläubig oder naiv halten. Durch die Methoden der Textkritik lässt sich erkennen, welche Art Fehler bei der Überlieferung und beim Abschreiben passiert sein können. So lässt sich ein ursprünglicher Text relativ gut rekonstruieren. Aber auch hier gibt es vielleicht verschiedene mögliche Vorgehensweisen und auch diese sind alle nicht gegen Krtik immun.
Helmuth hat geschrieben: ↑Mi 3. Jun 2026, 16:14Ich kann meine Sichtweise zwar aus meiner Sicht objektiv belegen, indem ich Texte schlicht gegenüberstelle und die darin enthaltenen Ungereimtheiten offenlege, nur wird das von der Gegenseite mit einem einzigem Dogma vom Tisch gefegt.
Wenn es um traditionelle Dogmen geht, dann muss man berücksichtigen, dass diese nicht einfach über Nacht aus einer Laune heraus entstanden, sondern eine Entstehungstradition und eigene Überlieferungsgeschichte haben. Man kann dies nur offenlegen. Mit einer bloßen Abwertung der Dogmen kommt man generell nicht weit. Unterscheiden muss man traditionelle Dogmen von intuitiven Rückschlüssen, bei denen sich auf den gesunden Menschenverstand berufen wird. Dieser gesunde Menschenverstand hat immer auch kulturelle Vorbedingungen und Prägungen. Auch mit solchen Behauptungen wie "Aber ich lese die Texte im Heiligen Geist" sollte man sehr vorsichtig sein.
Helmuth hat geschrieben: ↑Mi 3. Jun 2026, 16:14Auf der anderen Seite erfolgen aufwändige Bemühuneg um eine Text-Harmonisierung. Diese sind dann aber in meinen Augen wieder nicht selten dümmer als die Polizei erlaubt, werden aber als klar und logisch biblisch fundiert deklariert.
Das berücksichtigt meistens die Textkritik anhand der Handschriften nicht. Das ist auch sehr mühsam. Nehmen wir als Beispiel Lukas 4,18-19 nach der alexandrinischen Lesart, was ein Zitat aus Jesaja 61,1-2 ist. Diese ist im Vergleich zu Übersetzung LXX und der byzantinischen Lesart verkürzt. Die einen sehen hier eine grobe Fälschung und falsche Lehre. Klar kann man sowas nie ausschließen, aber ein Textkritiker geht da behutsamer mit dem Urteil vor. Es kann verschiedene objektive Gründe für die Auslassung gegeben haben. Vielleicht war eine Vorlage, von der abgeschrieben wurde, beschädigt, so dass man den Text nicht um das ergänzt hat, was da eigentlich hätte stehen sollen, sondern einfach den Text zusammenzog. Möglicherweise ist das in manchen Handschriften sogar kenntlich gemacht. Das weiß ich in dem Fall nicht genau. Aber selbst dann, wenn man es nicht gemacht hat, könnte das nur bedeuten, dass man soweit noch nicht gedacht hat.
Bei den jüngeren Handschriften nach der byzantinischen Lesart gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder war die Vorlage, von der abgeschrieben wurde, vollständig. Oder, wenn auch sie lückenhaft oder beschädigt war, hat man den Text entweder aus dem Gedächtnis nach der LXX (nicht ganz exakt) abgeschrieben und ergänzt, oder selber vom hebräischen Text übersetzt. Dass dieser dann der LXX nahezu entspricht, wäre dann nur zufällig. Es gäbe immer sehr viele Eventualitäten zu berücksichtigen und der Vorwurf der groben Fälschung und falschen Lehre ist eigentlich immer der am wenigsten Naheliegende.
Aber ein umgekehrter Fall wäre auch noch möglich. Nämlich, dass man in späteren Handschriften der LXX die griechschen Zitate im NT aus dem AT rückeingefügt hat. Es passieren hier nämlich oft Missverständnisse. Die LXX gilt zwar als ca. 200 v.Chr. geschrieben. Dies betrifft aber nur die Pentateuch. Die restlichen Schriften sind erst später nach und nach übersetzt und aufgeschrieben worden. Man sollte nun nicht auf die Idee kommen, wenn wir von der LXX reden und sie uns in unserem Bibelprogramm anschauen, als hätten wir diese ältesten Schriften der Übersetzung zur Verfügung. Die älesten Handschriften, die wir davon haben, sind bestenfalls Fragmente, einige davon aus der Qumran-Höhle. Siehe hier :
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der ... dschriften
Die meisten Ausgaben der Septuaginta, ob gedruckt oder digital, dürften vor allem auf dem Codex Vaticanus und dem Codex Sinaiticus basieren. Beide weichen voneinander ab und die modernen Editionen sind eine Rekonstruktion.
Die LXX hat eine ähnliche Überlieferungstradition des Textes wie das NT. Das wird oft vergessen.