Reinhold hat geschrieben: ↑Mo 5. Apr 2021, 03:12
Gesellschaftliche Trends? Wurde die allein selig machende Kirche samt Stellvertreter Gottes auf Erden von diesem Trend etwa auch überrollt?
Das war absehbar - insofern nein. Aber in der Sache war klar, dass dies zu einem langsamen Rückzug der Kirche führen würde. Trotzdem werden die Kirchen immer präsent sein, aber möglicherweise am Ende halt nicht für 80% der Bevölkerung, sondern für 8%. - Das hängt davon ab, wie sich die Weltlage entwickelt: Kommt Not, kommt Kirche.
Timmi hat geschrieben: ↑Mo 5. Apr 2021, 05:13
Um den Mißbrauch und die dazugehörigen Vorgänge widerlich zu finden braucht es keine Presse
Um Missbrauch ekelhaft zu finden, braucht es gar nichts - da gibt es in der Bevölkerung einen Konsens von 99,9% (hoffe ich zumindest). - Aber "dazugehörige Vorgänge" erfährt man halt erst über die Medien, und da gibt es halt ziemlich viel Verfälschung.
Timmi hat geschrieben: ↑Mo 5. Apr 2021, 05:13
Und Differenzieren hat ohne Frage auch was mit Relativieren zu tun, wenn es darauf angelegt ist einen 'Verdünnungseffekt' zu erzielen.
Das wäre die Vorgehensweise eines Verteidigers vor Gericht. - Hier hat "Differenzieren" etwas zu tun mit: "Wie war es, als es geschah?" (im Gegensatz zu: "Wie möchten wir es heute sehen?").
Timmi hat geschrieben: ↑Mo 5. Apr 2021, 05:13
Ich denke, deine Schilderung der damaligen gesellschaftlichen Vorstellungen stimmen mit den damaligen gesellschaftlichen Vorstellungen nicht überein.
Gut - da kann man sich jetzt streiten und kommt zu nichts. - Das ist das alte Problem zwischen Zeitzeugen-Sicht und Retrospektive. - Die Retrospektive sagt "Wir sehen das abgeklärt", das Zeitzeugnis sagt "Ich war dabei". - Schwierig. - Übrigens ein großes Thema bei der Bewertung des Nationalsozialismus.
Timmi hat geschrieben: ↑Mo 5. Apr 2021, 05:13
Wenn erst die Angst vor Sanktionierung und Bestrafung einen 'guten Priester' macht, dann stimmt doch etwas nicht.
In diesem Fall ist der Grund eine Appeasement-Haltung der Kirchenführung: "Ja nicht der säkularen Übermacht eine Angriffsfläche bieten". Das hat nichts mit internem "Nicht-Stimmen" zu tun.
Timmi hat geschrieben: ↑Mo 5. Apr 2021, 05:13
Dieses Klima des Mißtrauens ist einer Glaubensgemeinschaft nicht förderlich
Natürlich nicht - aber dieses Misstrauen ist doch gerade das Ziel säkularer Kräfte (nicht aller).
Timmi hat geschrieben: ↑Mo 5. Apr 2021, 05:13
aus Erfahrung ist bekannt, dass Gesetze, Verordnungen und Regeln einen Mißbrauch nicht verhindern - lediglich die Vorsicht und Heimlichkeit wird größer.
Selbst das kann man letztlich nicht verhindern - richtig. - Es wird immer solche Fälle geben, wie die Pädophilie-Skandale im säkularen Bereich zur Zeit zeigen. --- Man kann ganz pragmatisch hinzufügen: Heute ist das allgemeine Sexualbewusstsein so hoch, dass das Umfeld schnell merkt, wenn irgendein Missbrauch gegen den Willen des/der Betroffenen stattfindet. Früher war das ein Taboo-Feld.
Kritisch sehe ich das heute übersteigerte Missbrauchs-Verständnis: Man braucht nur mal einer 8Jährigen an ihren Haarzöpfen zu ziehen und "Hü, hü" zu spielen und schon läuft man Gefahr, in der Tagesschau als neuer Missbrauchsfall gemeldet zu werden. Ich fürchte, dass diese von mir gesehene Gefahr KEINE Übertreibung ist.
Timmi hat geschrieben: ↑Mo 5. Apr 2021, 05:13
Indem du die Kirche vor einer gefühlten Fehlbeurteilung retten möchtest.
Ja - aber das habe ich vor einigen Jahren auch bei Wulff gemacht. Ich hasse es, wenn Masse von oben aufgestachelt wird.
Timmi hat geschrieben: ↑Mo 5. Apr 2021, 05:13
Und natürlich kann man und sollte es, entgleiste Moralvorstellungen an einem höheren Ethik-und Moralmaßstab messen.
Da musste sich die säkulare Seite in den letzten 75 Jahren mehr entwickeln als die kirchliche. Auf kirchlicher Seite war schon immer die Ehe das einzige Feld, auf der man überhaupt in irgendeiner Form sexuell tätig sein durfte - deshalb die extrem strengen Regeln für Geistliche von je her. -
Das Problem war der mangelhafte Blick auf die Betroffenen. - Man ging bei Vergehen unterhalb von Penetrations-Vergehen säkular wie kirchlich davon aus, "dass Kinder 'so was' leicht wegstecken", "sie sich 'so was' für später aufheben sollten", etc. - Man hat aus Sicht der Kinder "Fingern", "Petting", "Dr-Spiele" nicht als Missbrauch der Kinder, sondern als Vergehen der Täter verstanden. Die Ansage war nicht "Du traumatisierst das Kind", sondern "Das tut man als Erwachsener nicht". - Diese Haltung hat sich erst ab ca. den 80ern gedreht.
Ein Redakteur, der Zugang auch zu anderen Quellen hat, schrieb mir vor einigen Tage: "Das Gutachten von Westpfahl, Spilker, Wastl weist darauf hin, dass in den achtziger Jahren eine Art Debatte über die Folgen von Missbrauch Minderjähriger begann. ... Das war mir neu." - Vorher gab es dazu weder im Säkularen noch im Kirchlichen eine spürbare Sensibilisierung. - Und: Die allermeisten (signifikanten) Fälle in Köln stammen aus dieser Zeit und früher.
Zu Deiner obigen Aussage: Die "Ethik- und Moral-Maßstäbe" waren und sind auch heute bei der Kirche extrem höher als im säkularen Bereich. Das Problem war die einseitige Fokussierung auf die Täter und das Nicht-Erkennen der Betroffenen als Opfer (aus oben genannten Gründen).