Spice hat geschrieben: ↑Sa 17. Sep 2022, 12:27@ Claymore: Ich bin froh über deine besonnenen, vernünftigen Ansichten.
In der Welt ist Angst immer berechtigt. Staaten
müssen gerüstet sein. Alles andere ist Blauäugigkeit!
Das hört sich schon fast ironisch an.
Egal wie: ich bin Pazifist. Genauso wie Drewermann.
Dennoch ist eine Welt ohne Militär und mit ewigem Frieden der
Mega-Moonshot.
Was Drewermann nicht kapiert: dieser extreme und tatsächlich absurde und groteske Widerspruch zwischen der zivilen Sphäre und der militärischen Sphäre ist nur sehr bedingt ein Widerspruch für den Menschen!
Er ist aber ein extremer Widerspruch im Westfälischen System, das sich hauptsächlich nach dem Frieden zu Münster (1648) als Weltordnung durchsetzte.
2013 wurde in London der Soldat Lee Rigby von zwei Islamisten ermordet. Ein junger Mann, der sein Leben noch vor sich hatte. Ja - eine unentschuldbare, schreckliche und grausame Tat.
Aber der Logik der Mörder, dass sie sich eben
nicht schuldig fühlten, da Soldaten den Tod nun mal als Berufsrisiko in sich trügen, kann man kaum etwas entgegen setzen.
Nach dem Westfälischen System ist es Mord. Denn der Staat ist der absolute Souverän. Das Gewaltmonopol liegt beim Staat. Und es herrscht Anarchie zwischen den Staaten, die nach den Prinzipien Machiavellis untereinander agieren. Mit Krieg als letzte Entscheidungsgewalt.
Hätten sie Lee Rigby während eines Krieges getötet, würden sie nach den Genfer Konventionen die Immunität von Kombattanten genießen. Da wäre es plötzlich
kein Mord gewesen...
Man mag einwenden, dass Lee Rigby auf besonders hinterhältige Weise getötet wurde.
Aber als ob das jemals eine Rolle in der modernen Kriegsführung spielte...
Der Scharfschütze, der auf 2 km Entfernung den nichtsahnenden Feind töten kann, bekommt sogar noch einen Orden verliehen!
Die moderne Kriegsführung zeichnet sich durch eine besondere Ehrlosigkeit aus.
EHRE ist zwar ein Wert um den man sich im zivilen Leben des 21. Jh. nicht so sehr kümmert - aber im Militär ironischerweise schon,
obwohl EHRE dort am allerwenigsten zu finden ist.
In einer modernen Armee des 21. Jh. gibt es eben
keine ritterlichen Ehre,
keinen Ehrenkodex der Samurai (Hagakure),
keine Familienehre wie bei den Wikingern, usw..
Aber gut... was war die Weltordnung
davor?
Im Mittelalter und der Renaissance war die Macht verteilt: es gab die Kirche, unzählige Herren und Lehnsherren bis hoch zum Kaiser. Und
keine strikte Trennung der zivilen und militärischen Sphäre: Es gab Fehden, Ordensritter, Söldnerarmeen, Condottieri... Söldner bei Bedarf anzuheuern wurde nicht anders bewertet als ein Bauprojekt bei einer Steinmetzbruderschaft in Auftrag zu geben.
Ziemlich chaotisch: ein System von dauerhafter, schwelender Gewalt aber dafür von vergleichsweise niedriger Intensität.
Im Westfälischen System bedeutet dagegen Friede wirklich Friede. Und es gab auch sehr lange Phasen des Friedens. Aber am Ende entluden sich die Konflikte dann umso schrecklicher und heftiger in unfassbar grausamen, abartigen Kriegen.
Drewermann schwebt eine friedliche Version des Westfälischen Systems vor.
Das kann nicht funktionieren.
Das Westfälische System ist in-sich korrupt, irreparabel und eine Katastrophe für die Menschheit. Solange es die Weltordnung dominiert, wird es keinen Frieden geben.
Bin ich wenigstens weiter gekommen, das tatsächliche Problem zu identifizieren? Ich hoffe schon.
Habe ich eine Lösung? Leider nein - aber ich tue im Gegensatz zu Drewermann nicht so "als ob". Denn was sollte der Nachfolger für das Westfälische System sein? Ein
Weltstaat? Oh je... das ist mir auch nicht geheuer.
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