Johncom hat geschrieben: ↑So 23. Nov 2025, 02:56
Die sehr extrem Behinderten brauchen eher pädagogische Betreuung. Meine Stieftochter macht das im Moment, ein Jahr Praktikum in einer anthroposophischen Einrichtung. Das ist Arbeit mit Herz und Geduld, ganz abseits der Wettbewerbswirtschaft.
Klar brauchen die Extremfälle Betreuung. Aber doch nicht unbedingt in Sonderwelten, wo sie vom Rest der Gesellschaft getrennt sind. Das ist der gleiche Mechanismus, wie du ihn für die WfbM beschrieben hast.
Johncom hat geschrieben: ↑So 23. Nov 2025, 02:56
Aber ist nicht ein Hohn, wenn sich Schwule, Lesben, Transen und irgendwelche Fetischisten als unterdrückt beklagen? Wenn ich eine Macke haben, und wie alle haben irgend eine Macke, auch Religiöse haben ihre Macken … warum muss ich meinen Tick politisiert in die Öffentlichkeit tragen??
Das sind noch die Nachwirkungen von früher. Inzwischen sind die ja weitgehend etabliert, auch wenn das noch nicht überall angekomen ist. Staatlich unterdrückt und diskriminiert werden sie nicht mehr. Jedenfalls nicht mehr oder weniger als andere auch, so wie Behörden, Bürokratie und Verwaltung einen eben zu schaffen machen kann, was ja auch schon schlimm genug ist und verbessert werden sollte.
Der Kampf gegen ein System geht irgendwann in die DNA über und wird Teil der "Abweichler-Identität" und es dauert eine Weile, bis man reflektiert hat, dass schon Verbesserungen eingetreten sind.
Johncom hat geschrieben: ↑So 23. Nov 2025, 02:56
Wettbewerb muss schon sein.
Für manche gesellschaftliche Bereiche kann das ja auch ruhig sein, aber unsere Wettbewerbsgesellschaft ist schon ziemlich totalitär. Das ist auch nichts, was sich zufällig so ergeben hat. Das war vorsätzlich geplant und auch durchgesetzt mit der neoliberalen Agenda. Erst in den USA unter Reagan, dann in England unter Thatcher und schließlich auch in Deutschland unter Schröder in Zusammenarbeit mit Blair, die die Politik Thatchers unter dem Vorzeichen der Interessen der Arbeiter-Partei übernommen und fortgeführt haben. Mit der
Öffentlichen Reformverwaltung kam mehr Markt in öffentliche Verwaltung. Nicht zufällig gibt es Parallelen zu der Ideologie des ehemaligen SS-Ideologen
Reinhard Höhn, der mit seinem
Harzburger-Modell die sogenannte
Auftragstaktik nach dem Vorbild des preußischen Miltärs im Management von Unternehmen etablierte. Sowohl Höhn, als auch die Vertreter des selbstbenannten Neoliberalismus (nicht der linke Kampfbegriff) wie Hayek, Friedman und von Mises stehen in der Tradition des Liberalismus. Sie lehnten den demokratischen Staat ab und wollten, dass der Markt alle gesellschaftlichen Bereiche regelt. Bei den Nazis hat man das noch offen als Recht des Stärkeren und Tüchtigen benannt. Die Neoliberalen verschleiern ihre Ideologie hinter einem sachlich scheinenden mathematisch und ökonomischen Jargon.
Johncom hat geschrieben: ↑So 23. Nov 2025, 02:56Wettbewerb ist Demokratie vom Markt aus gesehen.
Richtig, es ist gedacht als Demokratie unter Marktakteuren auf Augenhöhe. Nur diese Augenhöhe wird im Marktliberalismus nicht hergestellt, sondern einfach vorausgesetzt. Es wird denen die Teilnahme verwehrt, die kein Geld oder nicht genug Geld haben. Es regelt nicht Angebot und Nachfrage, sondern Angebot und Zahlungsfähigkeit. Ein Bedürfnis nach etwas kann noch so stark sein, das interessiert den Markt nicht, wenn die Zahlungsfähigkeit nicht gegeben ist.
Die Zahlungsfähigkeit der Bevölkerung zu organisieren geschieht durch den Staat (hier ist er auf einmal doch notwendig) und dessen Bildungssytem, dass die Menschen durch die Selektion mittels vorgegebenen Qualifikationsanforderungen quasi planwirtschaftlich auf die systemrelevanten Berufszweige verteilt. Es erscheint dann aus individueller Sicht so, als könnte sich jeder frei entscheiden, wo er seinen Platz einnehmen will. Blickt man von oben auf das System wird klar, dass die individuelle Sicht in der
Rationalitätenfalle steckt. Es kommt nicht darauf an, wer die Drecksarbeit macht, aber irgendjemand muss sie machen. Finden sich nicht genug "Freiwillige" kann der Staat Pflichten anordnen, um das Funktionieren des Systems zu gewährleisten. Jeder darf zwar Unternehmer werden, aber nicht alle dürfen es werden. Oder wenn im Kinosaal einer ganz hinten aufsteht, sieht er besser. Aber wenn alle aufstehen, hat keiner einen Vorteil gewonnen.
Manche werden jetzt einwenden, dass wir eine Soziale Marktwirtschaft haben. Für Ludwig Erhard war die Marktwirtschaft von sich aus schon sozial. Die müsste nicht erst durch soziale Maßnahmen ergänzt werden. In unseren Zeiten bedeutet Soziale Marktwirtschaft nichts anderes als Kapitalismus + Bürgergeld/Sozialhilfe. Die Benachteiligten müssen auf unterstem Niveau leben. Bürgergeldempfänger idealerweise nur temporär, so hat man sich das gedacht, ohne aber zu berücksichtigen, dass erwerbsfähig noch nicht gesund und vollzeiterwerbsfähig bedeutet. Als Sozialhilfebezieher ist man üblicherweise dauerhaft erwerbsunfähig (nicht mehr auf dem 1. Arbeitsmarkt vermittelbar) und wird so gezwungen den Rest seines Lebens auf Armutsniveau dahinzuvegetieren. Das ist nicht zu vergleichen mit einer Armut in der Dritten Welt, aber bei uns kommt auch noch die Stigmatisierung hinzu.
Deutschland hat Anfang 2024 vom Europarat eine Klatsche bekommen, dass es gemessen an seiner Wirtschaftskraft zu wenig gegen Armut unternehme. Siehe :
https://www.tagesschau.de/inland/europa ... d-100.html
Anfang Oktober 2025 hat der UN-Sonderberichterstatter zu extremer Armut und Menschenrechten, Olivier de Schutter, den Sozialsystemen weltweit ein sehr schlechtes Zeugnis ausgestellt. Er kritisiert in seinem zwanzigseitigen Bericht (leider nicht auf deutsch) u.A. das deutsche Sozialsystem mit dem Begriff Wohlfahrtschauvinismus und dem Rechtspopulismus in die Hände spielend.
https://www.ohchr.org/en/special-procedures/sr-poverty
Johncom hat geschrieben: ↑So 23. Nov 2025, 02:56
Die besten Produkte, auch Länder, auch Religionen zeichnen sich dadurch aus, dass sie Nachfrage haben.
Am besten verkaufen sich günstige Produkte, nicht die qualitativ besten. Wenn ein Hersteller ein hochqualitatives Produkt etabliert, wird er zusehen, wie er durch Reduzierung der Qualität Kosten einsparen kann. Der Wettbewerb bringt primär nicht die bessere Qualität von Produkten hervor, sondern so Dinge wie geplante Obsoleszenz und mit einem Mythos von Luxus und Eleganz aufgeladene Produkte (Warenfetisch). Die Marketinexperten sind rund um die Uhr damit beschäftigt, wie sie den Kunden
das Gefühl geben können, das Beste kaufen zu können, und nicht, wie sie die besten Produkte herstellen.
Johncom hat geschrieben: ↑So 23. Nov 2025, 02:56Christen, die in Europa verfolgt waren, bildeten eine bedeutende Gruppe, die das Abenteuer auf sich nahm, in Amerika ganz neu anzufangen. Das große Reizwort ist "Freiheit". Wenn man die Starken in der Menschheit anziehen will, sollte man mit "Freiheit" locken.
Sie fingen in der Neuen Welt neu an, indem sie bestehende Kulturen verdrängten, um es mal euphemistisch auszudrücken.